Vom Sklavenhandel zur Revolution

Die französische Revolution (Klappe 1001)

Über die französische Revolution ist wahrscheinlich schon tausend Mal geschrieben worden, also fasse ich mich kurz.

(Wenn Sie das wirklich glauben, dann sind Sie neu hier. Herzlich willkommen!)

Gerade neulich wandelte ich auf den Spuren meines Urgroßvaters mütterlicherseits und ergründete die Zeit der deutschen/europäischen Revolutionen. Doch was machte eigentlich Urgroßvater väterlicherseits? Ich habe so eine Ahnung, auch wenn Details nicht bekannt sind. Es besteht eine verschwindend kleine Wahrscheinlichkeit, dass ein Ur-Ur-Ur-Großonkel oder -vater den anderen Ur-Ur-Ur-Verwandten einmal getroffen haben könnte. Und zwar bei einer Gelegenheit wo der eine Vorfahr vom anderen Vorfahren in die Sklaverei geschickt wurde. Wie es zu so einem Kuriosum hätte kommen können, wird weiter unten erklärt.

Es geht um Sklavenhandel. Und es geht um die historischen Umstände vor der französischen Revolution.

Mit den Ereignissen von 1789 verbinden wahrscheinlich die meisten Menschen vom Schulunterricht her den Sturm auf die Bastille, was noch? Ein König wurde abgesetzt und die Guillotine eingeführt. Ach ja da war doch noch was mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Die Ideale, welche heute noch manchmal verschämt hinter vorgehaltener Hand in verschwörerischer Runde zum Besten gegeben werden? Die griffige moderne Ersatzformel lautet Demokratie, hinter der sich so gut wie alles verbergen kann, nur nicht unbedingt das, wofür damals so mörderisch gestritten wurde.

Da die Ereignisse einen gewaltigen Einfluss auf die europäische Geschichte hatten, ist es die Sache vielleicht doch wert zum tausendundersten Mal erzählt zu werden, wenn auch wie üblich skizzenhaft, ohne Anspruch auf DIE Wahrheit zu erheben.

Die Zutaten sind ein König, der lebte wie der sprichwörtliche König in Frankreich, ein Volk, das darbte, eine Prise Pech mit den Ernten, moderne Ideen in den Köpfen der Leute, eine Clique absolutistischer Herrscher in den wichtigen Ländern ringsum, außer England, die Kirche, der eine oder andere Krieg nebenher und natürlich leere Kassen.

Besonders der letzte Punkt spielte eine entscheidende Rolle, denn ohne Moos nix los. Das Volk nahm es dem Herrscher übel, dass bei riesigen steigenden Staatsschulden für den Hof und dessen Gelage allein 36 Millionen Livres eingeplant waren. Das war 1781. 25% des Haushaltes verschlangen die Ausgaben für das Militär, das in Übersee gegen die Engländer und für ein unabhängiges Amerika kämpfte. Ironischerweise hat König Ludwig XVI. seinen eigenen Abstieg beschleunigt, indem er der Unabhängigkeitsbewegung half. Natürlich wollte er den Engländern schaden, doch zuallererst sorgte er für leere Kassen.

Die Hauptsteuerlast trugen die Bauern, die zusätzlich Abgaben an Grundherrn und Kirchensteuern aufzubringen hatten. Für die Steuereintreibung waren Steuerpächter zuständig, die gegen einen an die Krone abzuführenden Festbetrag die Abgaben bei den Steuerpflichtigen erhoben und dabei Überschüsse für sich behalten konnten – eine gleichsam institutionalisierte Einladung zum Missbrauch. Die Haupteinnahmen wurden bei der Salzsteuer (Gabelle) erzielt, die dafür nach zahlreichen Erhöhungen im Volk besonders verhasst war.

Doch die größte Rolle beim Ausbruch der Revolution spielte wahrscheinlich das Vorbild der Vereinigten Staaten, die sich erfolgreich gegen England und Frankreich durchsetzten und somit das erste (große) Land waren, das nicht von einem Monarchen beherrscht wurde, ja das nicht einmal eine konstitutionelle Monarchie kannte. Andererseits hatten die USA die Sklaverei ja keineswegs abgeschafft, nur weil sie die Herrschaft von sogenannten Adeligen ablehnten.

Wie konnten die Ideen der Aufklärung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gleichzeitig neben der alltäglichen Geschäftspraxis der Sklaverei bestehen? Wir blicken zurück in die lange Geschichte der Sklaverei, um zu verstehen, wie die Menschen damals tickten …

Sklaverei in der Geschichte

Meine Recherchen über die Geschichte und die Ursprünge der Freimaurerei hatte mich an so manche verrückte Legende herangeführt, bei vielen Episoden lässt sich nicht mehr belegen, wie viel davon Wahrheit ist und wieviel Dichtung. So dachte ich zunächst, die Geschichte der jüdischen Sklavenherren sei eine der vielen verleumderischen Erzählungen, welche den Juden alles Böse der Welt zuschreiben, und aus deren sumpfiger Quelle z.B. die Ritualmordlegende entsprang, die immer wieder als Vorwand für Progrome an den Juden benutzt wurde.

Während ich meine Geschichtskenntnisse aufbesserte und mich langsam vom Mittelalter in die Neuzeit vorarbeitete, traf ich auch auf die Rhadaniten, jüdische Händler, die als Bindeglied zwischen Christentum und Islam gedient haben sollen, und die ein recht ausgedehntes Netzwerk unterhielten, das vom Kaspischen Meer über Prag bis an die Nordsee und ans Mittelmeer reichte. Ich erfuhr, dass der Handel mit Sklaven seit Alters her eine Rolle spielte, an der Christen, Juden und Moslems gleichermaßen ihren Anteil hatten. Tatsächlich stellte ich mir beim Schreiben von Der Einfluss des Islam auf das Christentum eher scherzhaft die Frage, ob das Rhadaniten-Netzwerk nicht etwa ein frühes internationales Sklavenhandelskartell darstellte, ohne jedoch zu erwarten, eine Antwort auf die Frage zu finden. Erst im Zuge neuer Recherchen über den Sklavenhandel begann ich die Geschichte besser zu verstehen.

Schon im Vorfeld hatte ich mehrmals über die Versklavung der Schwarzafrikaner recherchiert, die über den Dreieckshandel von Holländern, Portugiesen, Engländern, Spaniern, Franzosen, Schweden und Dänen über die Mittelpassage (der Atlantik) zu Beginn hauptsächlich nach Mittel- und Südamerika gebracht wurden, um dort zur Arbeit in den Zuckerrohr-, Kaffee-, Gummi-, Gewürz- und Tabakplantagen eingesetzt zu werden (s. Die East India Company und das Empire). Das Schicksal der Sklaven in Nordamerika und der lange Kampf um Gleichberechtigung waren Teil einer anderen Geschichte. Während ich nun die Geschichte der „Sieben Vereinigten Niederländischen Staaten“ erforschte, stieß ich durch „Zufall“ auf ein weiteres Puzzleteil der unrühmlichen Geschichte.

Der Zeuge

Eine kleine Vorbemerkung in eigener Sache. Bei meinen Streifzügen durch die Zeit übernehme ich die Rolle eines Zeugen. Nicht unberührt von den Schicksalen der untergegangenen Menschen und ihrer zum Teil dramatischen Schicksale bezeuge ich das, was ich als gesichert annehmen muss; sei es die Rolle der Nazis in der Zeit der NS-Diktatur, die mit einer gewissenlosen internationalen Finanzoligarchie zusammenarbeiteten, die Greueltaten sogenannter christlicher Bürger im Mittelalter bis hinein in die Neuzeit, aber auch die gewissenlose absolutistischen Praktiken der Herrscher aller Zeiten und Länder, die erbarmungswürdigen Schicksale von Juden, Andersfarbigen und allen Unterdrückten der Erde. Nun ist es an der Zeit eine neue Seite im Buch der Geschichte zu entdecken.

Von einem sich nur Deutschen erschließenden Standpunkt aus gesehen, birgt die Geschichte des Sklavenhandels mit den Afrikanern in der Renaissance ein pikantes Detail: Die Juden waren groß im Handelsgeschäft und die Deutschen drängten, wenn auch spät und mit erheblichen Anlaufschwierigkeiten auf den Markt. Mit größter Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, dass Deutsche und Juden zu irgendeinem Zeitpunkt gemeinsame Geschäfte machten, die afrikanische Sklaven zum Hauptgegenstand hatten. Ist das nicht abgefahren?

Was versteht man unter Sklaverei?

Die Frage ist schwieriger zu beantworten als es zunächst den Anschein hat. Festzuhalten ist, dass verschiedene Kategorien der Sklaverei unterschieden werden, je nachdem wer wen versklavt hat (das war auch schon das Lustigste, was Sie in diesem Beitrag lesen werden) und u.a. abhängig von der Antwort auf die Frage ist, ob Leigeigenschaft eine Form der Sklaverei darstellt oder nicht. Im Allgemeinen wird darunter Menschenhandel und die totale physische Unfreiheit der versklavten Menschen verstanden.

In „Die Beteiligung Deutschlands am Sklavenhandel und Sklavenraub“ von 1907 wird – nachdem zunächst festgestellt wird, dass die Kirche in früheren Zeiten keine Einwände hatte gegen Sklaverei, es sei denn Christen wären von der Sklaverei betroffen-, die Geschichte verkürzt in wenigen Sätzen folgendermaßen dargestellt:

In Bologna kam 1256, in Florenz 1288 ein Gesetz zustande, das allen Unfreien den Loskauf und die Ablösung der Frohnden gestatte; zugleich wurden schwere Geldstrafen gegen jeden Verkauf eines Unfreien ausgesprochen; der Vertrag sollte unwirksam und die Hörigen durch die blosse Tatsache der Veräusserung frei werden.

Eine neue Zeit mit höheren und menschenwürdigeren sittlichen Idealen schien angebrochen!

Da trat Amerika in den Gesichtskreis Europas!

Die grausame und rücksichtslose Unterwerfung der eingeborenen Bevölkerung, der harte Frohndienst in den reichen Gold- und Silberminen dezimierte deren Reihen. Um Ersatz für die verlorenen Arbeiter zu erhalten, führten die Spanier Neger ein, die sie den Portugiesen abkaufen mussten, da sie gemäß der Bulle Inter cetera des Papstes Alexander VI. vom 4. Mai 1493 an der Westküste Afrikas keine Gebiete erobern durften.

Das Geschäft war so lukrativ, dass die spanische Krone es zum Monopol machte und an den Meistbietenden verkaufte. [Quelle]S. 1 ff

Die von der spanischen Krone vergebene Lizenz für dieses „Geschäft“ wurde später schlicht mit Asiento bezeichnet wurde. Der Asiento wurde gehandelt, vergeben, wechselte Hände und war schlicht begehrt.

Die unerbittliche „Logik des Handels“

Erst allmählich scheint sich die Erkenntnis zu verbreiten, dass die Tradition der Sklaverei der, vielleicht entscheidende, Grundbaustein des ökonomischen Erfolgs des Westens in der Neuzeit ist. Dabei ist der Ansatz zum Verständnis dieser Aussage ebenso simpel wie einleuchtend. Betrachtet man nämlich die Sklaverei als eine Kette, die Händler, Transporteure, Kunden und „Ware“ verknüpft, lassen sich folgende Aussagen treffen:

Eine Ware benötigt einen Absatzmarkt, also Kunden. Gibt es den Bedarf (die Kunden) werden sich auch Händler finden, welche einen Profit erzielen wollen. Gibt es Händler, so gibt es auch Transporteure.

Unter Sklaverei kann man also auch die daraus erwachsende Logistik verstehen. Dieser Artikel soll u.a. die Frage untersuchen, wer die Kunden waren und welche Logistik sich in unterschiedlichen Kulturen mit dem Sklavenhandel verband. Die Geschichte, die hier bezeugt werden soll, ist aber auch eng verbunden mit dem Glauben der Menschen in allen Zeitaltern, in welchem die Rechtfertigung für das Versklaven von Mitmenschen gefunden wurde, und mit dem Zeitalter der Aufklärung, in welcher die Antisklaverei-Bewegung ihren Anfang nahm. Der Konflikt zwischen dem Geschäft mit offener Sklaverei und dem Gedanken der Menschenrechte durchzieht mehrere Jahrhunderte und die Frage, ob ein Mensch wirklich frei sein könne und wann er als Sklave zu betrachten wäre, ist letztendlich auch heute noch nicht wirklich beantwortet.

Um so wichtiger ist es, sich mit der wahren Geschichte der Sklaverei zu befassen und wie es dazu kam dass ihre Abschaffung vorangetrieben wurde, denn ohne Geschichtsbewusstsein wird die Revolution ins Stocken geraten, mit der sich die Menschheit seit den Tagen der Aufklärung mühselig von den gröbsten Formen des Unwesens der offenen Sklaverei befreit hat. Reaktionäre Kräfte beharren nun darauf, dass die Menschheit mit dem westlichen Modell gegenwärtig die bestmögliche Regierungs- und Staatsform gefunden hat, um Völker und Staaten zu regieren. Sind wir heute also wirklich frei? Das kommt wahrscheinlich darauf an, auf welcher Seite (oder an welchem Ende) der Freiheit Sie stehen.

Weiter —>>>


I Noahs Fluch und der Zucker
II Die Niederländischen Provinzen auf dem Weg zur Seemacht
III Vor der Goldküste
IV Auf dem Weg zur Revolution
V Internationaler Sklavenhandel und die Gier nach Zucker
VI Nach der Revolution ist vor der Revolution

 

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