Chronologie – der größte „Irrtum“ aller Zeiten (VI)

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Die universale Fälschungsaktion

Urkundenfälschung antiker Urkunden war (manchmal) sinnlos

Die grobe, im Mittelalter gängige und angeblich weit verbreitete Praxis der Urkundenfälschung ergab für Wilhelm Kammeier keinen Sinn und er kann in vielen Fällen darin keine praktische Fälschung erkennen, d.h. Fälschungen um des unmittelbar eigenen oder des Klosters Vorteils willen, welche es, wie wir anhand zahlreicher Fälschungsaktionen gesehen haben, natürlich gab. Und er nennt dafür jede Menge Beispiele derart missglückter Urkunden, die so haarsträubend sind und so beharrlich inbezug auf Namen und Daten fehlgehen, dass andere Erklärungen als die, welche die Diplomatik ins Feld führt, wahrscheinlicher sein müssen.

Kammeier stellte die Frage, wie gleichzeitig kunstvolle, aber im Detail plump gefälschte Urkunden, die er Seite um Seite in seinen Büchern genauestens beschreibt, überhaupt eingesetzt worden sein sollen. Ein zeitgenössischer Fälscher von Urkunden kann diese nicht praktisch benutzt haben, schon gar nicht in einem Rechtsstreit. Welchen praktischen Nutzen hatte ein Fälscher von einer Urkunde, auf der falsche Daten, falsche Schriften, verstorbene Zeugen, nicht vorhandene Lehen, dieselbe Schenkung an verschiedene Bistümer, mehrere „Originalurkunden“ mit demselben Datum aber unterschiedlichem Inhalt, und viele, allzuviele Wunderlichkeiten mehr sofort und direkt auf eine Fälschung hinweisen? Bei einem realen Rechtsstreit wäre die Sache sofort aufgeflogen.

Eine bestimmte Sorte Fälscher schien dieser Umstand nicht besonders gestört zu haben, ja manchmal meint Kammeier zu erkennen, dass die Fälscher sich nach keiner Originalvorlage zu richten schienen, was gemeinhin entweder mit Schluderei, Unfähigkeit, Unaufmerksamkeit oder schlichter Dummheit des unfähigen Fälschers erklärt wird. Auch sind auf sogenannten Originalurkunden Namen und Datum verdächtig häufig ausradiert und mit einem neuen überschrieben.

Die falschen Karolinger-Urkunden von St. Maximin in Trier und andere

Die vier noch in Urschrift vorliegenden Fälschungen auf den Namen Pippins, Karl des Großen, Ludwig des Frommen und Lothar II. sind von einer Hand geschrieben und einfach plump. Die Erklärung ist, dass man zur Zeit der Anfertigung die Diplomschrift nicht mehr beherrschte. Doch trifft das den Kern des Problems nicht. Denn die Fälschungen richten sich nicht nach irgendwelchen Originalvorlagen. Anstatt Linksbögen verwendet der Autor mit größter Regelmäßigkeit Rechtsbögen. Damit ähnelt die Fälschung den Fälschungen der Reichenauer, deren Cheffälscher mit größter Regelmäßigkeit das falsche G verwendete, dafür aber alles andere mit höchster Geschicklichkeit nachzuahmen verstanden. In Hamburg sieht es nicht anders aus. Die Fälscher scheinen im Moment des Fälschens von einer Dummheit geschlagen zu sein, die unbegreiflich erscheinen muss.

Sind die Fälschungen Versuche, alte Pergamente zu retten? Eine Möglichkeit, die in einigen Fällen zutreffen mag, jedoch nicht die große Flut von unsinnigen Fälschungen im Mittelalter erklärt, über die Wilhelm Kammeier referiert.

Die Datierung auf mittelalterlichen, „echten“ Dokumenten ist eine Sache für sich, denn neben der Jahreszahl sollte auch das Königs- oder Kaiserjahr genannt werden und eine sogenannte Indiktion. Doch hier gibt es eine Verwirrung, die sich konsequent an allen Königshöfen durchsetzt. Von einer Woche auf die andere vergessen die Notare und Kanzler in derselben Kanzlei das richtige Regierungsjahr oder machen andere gravierende Fehler.

Kein Wunder, vielleicht hat sie die ewige Reiterei und Sauferei irgendwie durcheinandergebracht. Tagein, tagaus, der König und sein angeblicher Hofstaat und die Reisekanzlei beritten hoch zu Pferd das Land. Ihr verwirrter Zustand wird geradezu peinlich genau deutlich, während Kammeier Beispiel um Beispiel von angeblich echten Urkunden aus dem Mittelalter aufzählt und die Widersprüche, Fehler und Absonderlichkeiten dieser Dokumente, aber auch die teilweise ebenso absurde Begründung der Diplomatiker für die Echtheit so manchen zweifelhaften Schriftstückes genüßlich aufzählt.

Wie soll man es auch erklären, wenn den Schreibern selbst das Tagesdatum anscheinend nicht bekannt war? Konrad soll z.B. einmal am selben Tag in zwei, 450 km auseinanderliegenden Orten gleichzeitig Station gemacht haben. Weniger extreme, aber nichtsdestotrotz unwahrscheinliche Daten gibt es zuhauf in den Itinera der Könige zu finden.

Die Datierung mittelalterlicher Dokumente ist in ihrer Gesamtheit gefälscht, dieser Verdacht kommt bei der Lektüre Kammeiers auf, und schließlich spricht es der Autor offen aus: er vermutet „Die große Aktion“ dahinter, eine konzertierte Aktion verschiedener spätmittelalterlicher Autoren, die auch in unterschiedlichen Ländern agierten. Eine Aktion, die nicht in wenigen Jahren oder auch nur wenigen Jahrzehnten erledigt gewesen wäre. Für so einen Plan kommt natürlich nur eine Gruppe in die engere Auswahl.

Viele Punkte, die Kammeier aufführt, wurden in diesem Artikel angesprochen, was vielleicht nicht so klar herausgearbeitet wurde, ist dieses seltsame Problem bei Datierungen und Namen. Er führt die Itinerare an, die bereits angesprochen wurden, welches gewaltige Reisepensum sämtliche mittelalterliche Könige zu leisten hatten, und dass die Itinerare nicht nur in Bezug auf die Datierung nicht stimmen, sondern dass es auch völlig unglaubwürdig und unvorstellbar ist, dass alle die deutschen Könige im Mittelalter kein Zuhause gehabt haben sollen. Tagein, tagaus, der König und sein angeblicher Hofstaat und die Reisekanzlei ritten hoch zu Pferd durch das Land, wenn sie nicht gerade Krieg führten.

Otto II.

Zwei der vielen Beispiele aus der schier endlosen Aufzählung solcher Pannen der anscheinend völlig unfähigen Urkundenschreiber finden wir für Otto II. und Heinrich II. Das wichtige Inkarnationsjahr 973 finden wir nur in 11 Urkunden, in 26 Urkunden steht 974. Um 979 entsteht eine „große Verwirrung“ über die Königsjahre, die voneinander abweichen. Bei Heinrich II. wurde in 63 Fällen das Datum nachgetragen. Man möge sich dabei noch vorstellen, dass alle diese Urkunden wirklich „echt“ sind und von den allgemein anerkannten Kanzleien der jeweiligen Könige ausgestellt wurden. Konnten diese Leute nicht bis 50 zählen?

Das statistische Problem mit den verlorenen Originalen und deren Abschriften

Fast alle Originale von wichtigen Geschichtswerken und deren gemeinsame Vorlagen sind verloren gegangen, die Abschriften haben überlebt. Die karolingischen Reichsannalen aus dem 8. und 9. Jahrhundert, die in 5 Fassungen existiert haben sollen, sind zwar verschwunden, doch Kopien der Annalen, die ebenfalls im 9. Jahrhundert verfasst worden sein sollen, blieben seltsamerweise verschont von der Vernichtung.

Eine weitere ganz erstaunliche Abnormität ist das Fehlen von Registraren der deutschen Könige. Am Hofe der reisenden deutschen Könige und Kaiser wurden bis ins späte Mittelalter keine Aufzeichnungen darüber geführt, welche Dokumente wann und wo ausgestellt wurden, eine Praxis, welche die Kirche angeblich seit Urzeiten beherrschte und hütete.

Der Plan

bestand laut Kammeier darin, die gesamte deutsche mittelalterliche Geschichte zu fälschen. Anstelle der wirklichen Überlieferung wurde eine neue, zum großen Teil erdichtete Geschichtswelt gesetzt. Wenn das so war, wie konnten den Fälschern so große Fehler unterlaufen? fragt sich Kammeier. Das Problem lag in der Schaffung der mittelalterlichen Chronologie. Eine gewaltige Aufgabe, das nur durch mehrere Kniffe überhaupt so gut gelingen konnte, wie es offensichtlich der Fall ist. Einer dieser Kniffe war es, eine elastische Zeit zu erschaffen. Die offensichtlich falschen Daten hatten demnach Methode. Alleine so lassen sich die Inkonsistenzen bei der Urkundendatierung und bei der allgemeinen Unsicherheit, die über die dunkle Zeit herrscht, erklären.

Und hier könnte auch die Erklärung für so manche Ungenauigkeit bei astronomischen Beobachtungen in der Antike liegen. Nicht weil der Beobachter sich getäuscht hätte, sondern weil jemand in der beginnenden Neuzeit alte Geschichten mit z.B. von Hipparchus übernommenen Stern- und Mondbeobachtungen kombiniert hat, oder weil Tabellen verwendet wurden, um dasselbe Ergebnis zu erzielen, oder weil gar absichtlich echte Berichte verfälscht wurden.

Resümee Kammeier

In diesem Artikel wurde versucht, einen weiten Bogen zu schlagen und viele kontroverse Thesen über die wahre Chronologie einzubringen, die in den seltensten Fällen übereinstimmen, aber nicht um alle Widersprüche zu erklären, welche die Recherchen zu Tage brachten. Dies scheint eine Aufgabe für ein Heer interaktiv wirkender Wissenschaftler und interessierter Laien zu sein, welche die Geschichte unter dem Aspekt einer möglichen universalen Täuschungsaktion neu und kritisch aufrollen sollten.

Es läßt sich nämlich dank Kammeiers akribischen Forschungen feststellen, dass eine breit angelegte sogenannte „gelehrte Fälschung“ stattgefunden hat, im Gegensatz zu der „praktischen Fälschung“, die es sicherlich auch gegeben hat, nämlich eine Fälschung um des eigenen oder des Kloster Vorteils wegen. Doch aus den gelehrten Fälschungen ließ sich kein unmittelbarer Vorteil für die Fälscher erzielen.

Deswegen sieht Kammeier konsequenterweise die katholische Kirche als einzige mögliche Urheberin einer solchen universalen Fälschungsaktion, welche rückwirkend die eigene Bedeutung durch eine intentionale Geschichtsschreibung erhöhen wollte.

Karl und die Astronomie

Die Frage, die ich momentan nicht beantworten kann, ist, wie „hart“ die astronomischen Fakten von Roland Starke und Prof. Dr. Herrmann, auf die sich wohl auch Robert Newton und andere stützen, sind.

Auf Plinius geht die Überlieferung von zwei Finsternissen innerhalb von 15 Tagen zurück (allerdings nicht im Original, nach allem, was ich gelesen habe), worauf wir noch einmal einen Sprung in das Reich Karl des Großen unternehmen wollen, von dem in den Reichsannalen eine nette Anekdote überliefert wurde (gefunden auf De Astronomia in Karl der Große will es wissen von Kerstin Springsfeld).

Viele Leute hätten ihm [Karl] erzählt, dass im Jahr 810 gleich zwei Sonnenfinsternisse stattgefunden hätten (defectus solis, quem anno praeterito ab incarnatione Domini DCCCX bis evenisse). Er könne sich nicht erinnern gelesen zu haben, dass so etwas schon einmal passiert sei, Dungal [ein angesehender Gelehrter am Hofe Karls] solle ihm das doch bitte mal erklären.

Tatsächlich sind in den Reichsannalen erst am 7. Juni 810 eine Sonnenfinsternis, dann am 20. Juni eine Mondfinsternis und am 30. November 810 schon wieder eine Sonnenfinsternis sowie am 15. Dezember noch eine Mondfinsternis vermerkt:

Eo anno sol et luna bis defecerunt, sol VII. Idus. Iun. et II. Kal. Decembris, luna XI. Kal. Jul. et XVIII. Kal Ianuar.

Der Zeitraum zwischen den ersten beiden Ereignissen im Juni beträgt 13 Tage, zwischen Sonnen- und Mondfinsternis Ende des Jahres sind es 15 Tage. Eine erste Spur zu den oben erwähnten „harten Fakten“ war somit gefunden. Mit modernen Computerprogrammen kann man nun berechnen, dass die Karolinger

[…] zwar die Mondfinsternisse und die Sonnenfinsternis am 30. November gut beobachten konnten, nicht aber die am 7. Juni! Sie hat zwar stattgefunden, allerdings schon am 5. Juni, aber man konnte sie nur im südlichen Pazifik sehen, und soweit reichten die Handelskontakte dann doch nicht! Die Karolinger müssen die Sonnenfinsternisse also irgendwie berechnet haben. Aber wie?

In der Tat, eine gute Frage, der ich die Frage hintenanstellen möchte, wo diese, sicherlich schriftlich festgehaltenen, Berechnungen abgeblieben sind? Im Artikel wird folgende interessante Antwort auf dieses Rätsel gegeben, Plinius taucht mit einem Mal aus seinem Papiergrab auf:

In der Hofbibliothek befand sich die Naturgeschichte des antiken Schriftstellers Plinius. Das ist der, den man aus dem Lateinunterricht kennt, der im Jahr 79 nach Christus beim Ausbruch des Vulkans Vesuv gestorben ist. Plinius sagt, und dabei stützt er sich auf den berühmten griechischen Astronomen Hipparch (um 150 v. Chr.), dass es vorkommen kann, dass im Abstand von 15 Tagen eine Mond- und eine Sonnenfinsternis stattfindet. Und eine Sonnenfinsternis könne manchmal im 7. Mondmonat nach der letzten eintreten. [49]

Besonders hellhörig wurde ich bei der Formulierung des vorletzten Satzes.

Plinius sagt, und dabei stützt er sich auf den berühmten griechischen Astronomen Hipparch (um 150 v. Chr.), dass es vorkommen kann, dass im Abstand von 15 Tagen eine Mond- und eine Sonnenfinsternis stattfindet.

Es wäre wirklich mal interessant, den Text von Plinius zu untersuchen, ob an dieser Stelle von Plinius‘ persönlichem Augenzeugenbericht die Rede ist, also den „harten Fakten“, oder ob er von Möglichkeiten schwadroniert, die schon Hipparchus erwähnt hat. Um Plinius wird es also im nächsten Kapitel gehen.

Die Erklärung, wie es zu diesem falschen Eintrag in den Reichsannalen kommen konnte, fällt nicht leicht, und ist verschlungen. Karl, bzw. dessen Cousin Adalhard von Corbie soll nämlich den Hofgelehrten im Jahre zuvor, anno 809, 23 Fragen zur Zeitrechnung (!) gestellt haben. Diese versagten katastrophal , d.h. sie sollen nicht in der Lage gewesen sein zu berechnen, wann das wichtige christliche Osterfest zu feiern sei.

Karls „Fachleute“ konnten 809 nicht einmal den Zusammenhang zwischen Osterfest und der Tagundnachtgleiche im Frühling begründen und scheiterten bei Sonnenlauf und Mondmonat erst recht! schreibt Kerstin Springsfeld in der Einleitung ihres Artikels. Die Begründung nun, warum am 7. Juni in den Annalen von einer Sonnenfinsternis berichet wird, die nicht oder allenfalls zwei Tage früher im Pazifik-Raum zu beobachten war, ist, dass sich Karls Hofgelehrte aufgrund des Rüffels, den sie sich bei der Befragung 809 eingehandelt hatten, besonders ins Zeug gelegt hatten und nun, sozusagen übereifrig, lieber computierte Daten eintrugen, als gar keine. Ganz ernst nimmt sie ihre Begründung aber nicht, jedenfalls schränkt sie ein. Vielleicht ist es so gewesen.

Viel mehr vermochte auch ich nicht nach meiner Odyssee zu sagen, weswegen ich mich noch einmal den „harten Fakten“ zuwandte. Wenigstens diesen Fixpunkt der Geschichte wollte ich noch untersuchen, bevor ich den Versuch unternehmen konnte, einen sinnvollen Schluss aus der ganzen Fälschungsgeschichte zu ziehen. Auf geht’s zu Plinius, der überraschend moderne Berichte schreibt.

Plinius der Ältere

Besonders beeindruckend aus der Perspektive modernen Wissensvorsprungs sind Plinius’ Mutmaßungen über die Kugelgestalt der Erde, auf die er wegen der zeitversetzten Erscheinung der Sonnenfinsternis vom 30. April 59 in Campanien (eigenes Erleben) und in Armenien (Notizen des Corbulo) schloss (NH 2,180). 5 [Aus der Einleitung von Manuel Vogt in Die Naturgeschichte des Caius Plinius Secundus.]

Caius Plinius Secundus nahm den Namen seines Vormundes (Plinius, der Ältere) an, welchem auch die Hauptarbeit in Sachen Naturphilosophie und wissenschaftliche Beobachtungen zuzuschreiben ist. Es folgt ein Zitat von Plinius (dem Älteren), wenngleich in Kopie, der postfaktisch modern erscheint, denn er bezweifelt nicht die Kugelgestalt der Erde, aber er macht eine Beobachtung, über die sich auch die Anhänger der Flache Erde-Theorie den Kopf zerbrechen, nämlich: Wie kann es eigentlich eine Mondfinsternis geben, während Sonne und Mond noch beide gleichzeitig am Himmel zu sehen sind? Plinius schreibt also über Sonnen- und Mondfinsternisse, auch er nennt als eine seiner Quellen wieder mal den Hipparchus, an dessen Geistesgröße anscheinend, lt. offiziöser Geschichte, mehr als ein Jahrtausend niemand mehr heranreichte:

Alljährig treten diese Verfinsterungen beider Gestirne an bestimmten Tagen und Stunden auf der Erde ein. Da sie aber über uns entstehen, so können sie theils wegen den Wolken, theils, weil wegen der Kugelgestalt der Erde das Gewölbe des Himmels nur stellenweise zu sehen ist, nicht allenthalben beobachtet werden. Hipparchus hat, von 200jährigen Erfahrungen unterstützt, auf eine scharfsinnige Weise dargethan, dass eine Mondfinsterniss gewöhnlich im 5. Monate, eine Sonnenfinsterniss im 7. Monate nach der vorigen erfolgt; ferner, dass diese Verfinsterung zwei mal in 30 Tagen auf der Erde entsteht, aber bald hier bald dort gesehen wird. Das Wunderbarste dabei ist, dass der Mond durch den Schatten der Erde bald auf seiner westlichen und bald auf seiner östlichen Seite verdunkelt wird. Und wie wird die einmal vorgekommene Erscheinung, dass der Mond beim Untergange der Sonne sich verfinsterte, während beide Gestirne noch über dem Horizonte standen, zu erklären sein, da doch jener verdunkelnde Schatten beim Aufgange der Sonne unter die Erde hätte fallen müssen? Denn, dass beide Gestirne innerhalb 15 Tagen am Himmel vermisst wurden, hat sich in unserer Zeit, als der Kaiser Vespasian zum dritten und sein Sohn zum zweiten Male Consul war, zugetragen. Im Jahre Roms 825 (71 n. Chr.), wo am 8. Febr. eine Sonnen- und am 22. Febr. eine Mondfinsterniss statt fand.

Das sind sie wieder, die 15 Tage, nach denen ich gesucht hatte. Wenn diese Erzählung ein starkes Argument ist, dann weiß ich nicht so recht, wie belastbar es ist. Es ist offensichtlich keine persönliche Beobachtung, die Plinius da niederschrieb. Ich werde jedoch an einem anderen Tag über meine weiteren Forschungen berichten und Sie auf dem neuesten Stand halten. Beachten Sie auch die interessante Jahreszahl nach der römischen Zählung.

Eine Beobachtung, die gerade aktuell auf YT für Beachtung sorgt und heutzutage immer wieder mit Nibiru, dem legendären Wanderplaneten der Sumerer in Verbindung gebracht wird, ließ mich ebenfalls aufmerken. Von Nibiru weiß Plinius allerdings noch nichts.

[…] Drei Sonnen haben die Alten öfters gesehen, so unter Sp. Postumius und Q. Mucius *); Q. Martius und M. Porcius 2 ); M. Antonius und P. Dolabella 3 ); M. Lepidus und L. Plancus 4 ). In unserer Zeit sah man dergleichen unter der Regierung des vergötterten Claudius, da derselbe mit Cornelius Orfitus 5 ) das Consulat bekleidete. Mehr als drei sollen bis jetzt noch nicht gesehen worden sein.

Ich lach mich schlapp. Plinius hatte einen trockenen Humor, oder sehe nur ich das so? Noch mehr belustigt mich der Umstand, dass ich Ihnen das Phänomen zu zeigen vermag. Es gibt etliche allem Anschein nach echte You Tube Videos, die drei Sonnen zeigen.

Plinius der Ältere berichtet uns auch noch Wunderliches, das auch heute noch wunderlich ist, und andere Seltsamkeiten … Plinius ist einerseits überraschend modern in seinen Berichten und andererseits seltsam naiv, aus heutiger Sicht.

Auch 3 Monde sind zugleich sichtbar geworden, und 
zwar unter den Consuln Cn. Domitius und C. Fannius 6 ). 
Viele nennen diese nächtliche Sonnen. 
Auch scheinen die Sterne hin und her zu fahren, 
jedoch nicht ohne Grund, denn die Entstehung heftiger 
Winde von derselben Seite her hängt damit zusammen. 
Auch im Meere und auf der Erde giebt e s Sterne. 
Ich selbst habe bei den nächtlichen Feldwachen einen 
leuchtenden Schein von derartiger Gestalt auf den Spiessen 
der vor dem Walle stehenden Soldaten gesehen. Sie lassen 
sich auch auf die Segelstangen und andere Schiffstheile 
nieder, mit einem vernehmbaren Geräusch, wie wenn Vögel 
von einem Sitze zum andern fliegen. Wenn sie einzeln er- 
scheinen, bringen sie Unheil, denn sie versenken dann die 
Schiffe und wenn sie unten in den Kiel fallen, so ver- 
brennen sie dieselben; zu zweien aber sind sie ein günstiges 
Zeichen und verkünden eine glückliche Fahrt. Durch ihre 
Ankunft soll jene schreckliche und Unglückdrohende so- 
genannte Helena *) verjagt werden. Deshalb schreibt man 
auch diese Kraft dem Castor und Pollux 2 ) zu, und ruft 
sie auf dem Meere als Götter an. Auch die Häupter der 
Menschen leuchten rings um in den Abendstunden, was von 
grosser Vorbedeutung ist. Die Ursachen aller dieser Er- 
scheinungen kennt man nicht genau; sie sind in der Hoheit 
der Natur verborgen.
Als Alexander der Grosse die grosse Schlacht 
bei Arbela 1 ) gewann, soll daselbst in der zweiten Stunde 
der Nacht eine Mondfinsterniss stattgefunden haben, wäh- 
rend sie in Sicilien zur selbigen Zeit beim Aufgange des 
Mondes eintrat. Vor einigen Jahren, unter den Konsuln 
Vipstanus und Fontejus 2 ) sah man in Kampanien am 30. 
April zwischen der 7. und 8. Tagesstunde eine Sonnenfinster- 
niss, welche Corbulo, der damalige Feldherr in Armenien, 
zwischen der 10. und 11. Tagesstunde bemerkt haben 
will. So zeigt und verdeckt die Erde durch ihre Ku- 
gelform dem Einen diess, dem Andern jenes. Wäre die 
Erde flach, so würden alle Menschen solche Erscheinungen 
zugleich sehen, auch würden die Nächte nicht von unglei- 
cher Dauer sein; denn sowohl diejenigen, welche in der 
Mitte wohnten, als auch alle Andern würden Tage und 
Nächte von zwölf gleichen Stunden haben.
Plinius contra Flat Earth!

Plinius (der Ältere) zu (Mikro-)Evolution

Mit den bisherigen Ursachen der himmlischen Erschei- 
nungen wollen wir nun noch die davon abhängigen ver- 
knüpfen; denn es ist keinem Zweifel unterworfen, dass die 
Aethiopier durch die Hitze der nahen Sonne geschwärzt, 
und Verbrannten gleich, mit krausem Bart und Haupthaar 
geboren werden. Dagegen haben die Völker der entgegen- 
gesetzten, kalten Himmelsstriche eine weisse Haut und 
blondes herabhängendes Haar; diese macht die Kälte rauh, 
jene aber die Milde des Himmels schlaff. Selbst an den 
Beinen kann man den Unterschied wahrnehmen; denn bei 
jenen werden die Säfte durch die Hitze in die obern Theile 
des Körpers gezogen, bei diesen senkt sich die Feuchtig- 
keit nach den untern Gliedmaassen herab. Hier bringt das 
Klima grosse wilde Thiere, dort sehr mannigfache Thier- 
bildungen, besonders unter den Vögeln hervor. Aber in 
beiden Zonen werden die Körper gross, dort durch die 
Kraft der Hitze, hier durch die nährende Feuchtigkeit.
Das stärkste Erdbeben seit Menschen Gedenken ereignete sich unter der Regierung 
des Kaisers Tiberius, wodurch zwölf asiatische Städte in einer Nacht zerstört wurden. 2 ) Die häufigsten erfolgten 
im punischen Kriege 3 ), wo man in einem Jahre 57 derselben nach Rom meldete.

Was Plinius den Älteren betrifft, konnte ich nur eine weitere Beobachtung einer Sonnenfinsternis finden, die ihm selbst zugeschrieben wird, und die findet im Jahr 68 statt, dem Jahr, in dem sein Mündel geboren worden sein soll, der später seinen Namen annimmt.

Astronomie und Chronologiekritik (Mario Arndt)

Mario Arndt hat weniger Hemmungen als ich und sieht Roland Starkes „starkes Argument“ eindeutig widerlegt. In seinem Abstrakt zu Astronomie und Chronologiekritik schreibt er:

Im Mittelpunkt steht die alternative Datierung der überlieferten Sonnen- und Mondfinsternisse ohne die willkürliche, spekulative Annahme physikalischer Anomalien in der entfernten Vergangenheit, die Voraussetzung der Datierung der offiziellen Geschichte ist. Das Ergebnis ist die Tatsache, daß sich alle Berichte über Sonnen- und Mondfinsternisse aus verschiedenen Kulturkreisen, deren Geschichten derzeit nacheinander angeordnet sind, ein und demselben Zeitraum zuordnen lassen. Damit werden die Versuche von D. Herrmann, F. Krojer und R. Starke widerlegt, astronomisch die Richtigkeit der Chronologie der offiziellen Geschichte nachzuweisen. [50]

Die folgende Grafik gibt Aufschluss über die Herkunft der Finsternisberichte und die Zeiträume, die sie abdecken. Dazwischen gibt es Lücken

Die Herkunft der Finsternisberichte für die Delta-T-Werte der NASA nach [Stephenson 1997, vor allem S. 504]

Augenblicklich vermag auch ich mangels adäquaten Informationsstandes nicht mehr zur Diskussion beitragen, als dass es Überlieferungen gibt, welche von Mond-/Sonnenfinsternissen berichten, obgleich sie nicht am vermuteten Ort stattgefunden haben,  und dass in den Annalen Leute am Werk gewesen sein müssen, die sich dennoch ziemlich gut mit astronomischen Tabellen ausgekannt haben müssen oder sich mit den bekannten Quellen beschäftigt haben, die aber ansonsten ihr Wissen von Hipparchus ableiten sollen, der 1000 (?) Jahre vor ihrer Zeit gelebt haben soll, da auch Plinius offenbar nichts Neues zu berichten wusste und vom legendären Hipparchus abschrieb, der wiederum mit ziemlicher Sicherheit auf babylonische Tabellen zurückgriff … An einer Stelle fiel mir übrigens auf, dass Plinius, als er die Babylonier und ihre Sterndeuterkunst preist, in der Gegenwart von diesen schreibt. Ein Übersetzungsfehler?

Möglicherweise, oder eigentlich wahrscheinlich, ist die Erklärung für die Verwirrung der Zeit vielschichtig und läßt sich nicht auf eine Ursache reduzieren.

Keine gelehrte Fälschung ohne Katastrophenszenario

Die Geschichtsfälschung, die nicht wegzureden ist, vertuscht meiner Meinung nach mehrere Dinge. Einerseits, dass die Kirche viel jünger ist, als angenommen – es wurde also fiktive Zeit hinzugefügt oder die wirkliche Chronologie durcheinandergewürfelt. Ich halte es für möglich, dass die Kirchengeschichte zuerst geschrieben wurde, und zumindest Teile der ursprünglichen Geschichte passend zusammengefügt wurden, wobei eine Antike geschaffen wurde, welche in Wirklichkeit noch gar nicht so lange zurücklag.

Diese Theorie ist ohne ein Katastrophenszenario, wenigstens nördlich der Alpen, nicht denkbar. Es setzt voraus, dass die Bevölkerung Mitteleuropas nicht lesen konnte oder mundtod gemacht worden war, wenn sich die römisch-katholische Geschichte durchsetzen konnte, ohne dass uns heutzutage noch eine andere Version der Geschichte zuverlässig überliefert wurde.

Wie lange es dauerte, bis sich Mitteleuropa wieder aufrappelte, oder ob vielleicht mehrere, jeweils einige Jahrhunderte auseinanderliegende Katastrophen das erste Jahrtausend erschütterten, wie Sedimentschichten zeigen sollen, und was genau damals passierte, ist eine der spannendsten Fragen an dieser gefälschten Geschichte. Es würde Sinn machen, den Ursprung einer großen Fälschungsaktion in einer Zeit, oder relativ kurz danach, zu vermuten, in der es sowieso gerade einen drastischen Unterbruch der Geschichte Mitteleuropas gab.

Und natürlich möchte man wissen, welche Absicht hinter einer universalen, gelehrten Fälschungsaktion stehen könnte, wenigstens wenn man für einen Moment die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die große Fälschung nicht unmöglich war. Wenigstens die zweite Frage läßt sich so schwer nicht beantworten.

Denn die Akte der gelehrten Fälscher zielten darauf ab, die Geschichte und Bedeutung der Kirche zu überhöhen, der Gang nach Canossa demonstriert ebenso wie viele andere Geschichten die Macht der Kirche über den König, aber genau diese Beschreibung der Machtverhältnise zwischen Kirche und weltlichen Herrschern erscheint mir für bestimmte kritische Zeiträume im ersten Jahrtausend, der Spätantike oder wie auch immer man es nennen mag, äußerst fraglich.

Sehr gut vorstellbar ist deshalb, dass Kirche und Bibel erst sehr viel später entstanden als behauptet und dass die Kirchengeschichte das Produkt einer fantastischen universalen, gelehrten Fälschungsaktion ist. Christoph Pfister bringt es auf den Punkt:

Nikäa war ein fiktiver Stiftungsanlass der katholischen Kirche und des Dogmas der Trinität.

Denken wir uns nun noch ein möglicherweise völlig von unserem Empfinden abweichendes Rechtsbewusstsein, das ja als Begründung für so manche Fälschung herhalten muss, dann ist nicht mehr so unvorstellbar, dass eine kleine Gruppe, z.B. die Benediktiner, die „Zeichen der Zeit“ erkannte und die vielleicht, nachdem einige erste praktische Fälschungen tatsächlich Erfolg hatten, auf die Idee kamen, dieses Rezept der Rückdatierung von Dokumenten zum größeren Nutzen des Ordens in Zukunft auf die Fälschung der Geschichte selbst anzuwenden. Durchaus vorstellbar ist, dass die große Fälschung anfangs nicht so geplant war, nach ein paar Jahrzehnten aber eine Eigendynamik entwickelte, welche die Mönche in ihrer Gesamtheit nicht mehr überblickten, und spätere Forscher erst recht nicht mehr.

Intentionale Geschichtsschreibung seit Alters her, Katastrophen, welche die Menschheit noch in jüngster Vergangenheit heimsuchten und ein zeitweiliges Monopol der Kirche auf das geschriebene Wort, könnte der Nährboden gewesen sein, auf dem sich eine gefälschte Geschichte durchsetzen konnte.

Wer sich ernsthaft mit dem Thema Fälschung der Geschichte auseinander setzen möchte, wird an Wilhelm Kammeier kaum vorbeikommen. Seine in den Links aufgeführten Hörbücher sind absolut empfehlenswert, desgleichen wohl die Bücher, wenn sie noch erhältlich sind. Er nimmt den Leser geduldig an der Hand und führt den Laien humorvoll durch den Irrgarten der Fälschungen zu seinen Schlussfolgerungen. Über die Details läßt sich wie immer trefflich streiten, z.B. ob die gelehrte Fälschung im „14.“, „15.“ oder erst „16.“ Jahrhundert begann und auf welchen Zeitraum sich die Fälschung auswirkt, und, und, und …

Die Kritiker der offiziellen Geschichte, wie Heribert Illig, Christoph Pfister, Anatoly Fomenko und die anderen, zerren Ungereimtheiten in der Historie allerorten ans Licht, denn es gibt mehr als nur guten Grund zu Zweifeln an der Glaubwürdigkeit von vielen Zeugen und Zeugnissen, auf die sich die Geschichte stützt. Intentionale Geschichtsschreibung, ein oder mehrere Jahrunderte, in denen Katastrophen Europa und seine alte Kultur unter einer Schlammlawine begruben, und ähnliche Szenarien, die sich weltweit immer wieder abspielten – am Ende könnte mehr als nur eine der Theorien Recht behalten, welche einen anderen Zeitablauf vermuten.

Unwahrscheinlich erscheint, dass Kammeiers große Fälschungsaktion jedes alte Pergament fälschen und auch lokale Legenden und Überlieferungen in ihrem Sinne ändern konnten. Doch die Fälschung von vergleichsweise wenigen Historien und geschichtlichen Daten, könnte aufgrund intentionaler Geschichtsschreibung zu einer „chronischen“ Verwirrung beigetragen haben, die eine Art Eigendynamik entwickelte, indem immer neue Geschichtsschreiber sich auf gefälschte Daten verließen und eine passende Geschichte darum herum bastelten.

Fakt ist jedenfalls (und ich hoffe, die Betonung des Wortes Fakt wird in seiner Ironie vom Leser gewürdigt):

Die Geschichte, die wir in der Schule lernten, ist postfaktisch. Wenn Sie möchten, schreibe ich Ihnen das auch gerne schwarz auf weiss auf’s Pergament …

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