Chronologie – der größte „Irrtum“ aller Zeiten (II)

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Das Zeitalter der Fälschungen

Historiker haben bei der Geschichtsfindung (auch ohne das Kalenderproblem) mit vielen Unbillen zu kämpfen, nicht zuletzt mit der eigenen, vorgefassten Vorstellung von der Geschichte, noch viel mehr aber mit den verschiedensten in Umlauf befindlichen, urkundlichen und anderen Fälschungen. Womit ich wirklich und ernsthaft allen geduldigen, fleißigen und gewissenhaften Historikern, welche die Geschichte zusammengetragen haben und die Licht in das Dunkel werfen, meinen Respekt aussprechen möchte. Wie in jedem anderen Zweig der Wissenschaft werden jedoch manche Dinge erst entdeckt, nachdem die zugrundeliegende Annahme eines Sachverhaltes als These behandelt wurde und nicht mehr als Dogma.

Wenn Dogmen fallen, zittern Throne, dichte ich jetzt mal, weswegen das letzte Wort noch lange nicht fallen wird..

Weihnachten Schenkungen für die Kirche

Die „Konstantinische Schenkung“ („Constitutum Constantini“) ist ein prominentes Beispiel für die völlig unheilige Praxis der kirchlichen Urkundenfälschung im Mittelalter. In dieser Schenkung schenkt sich die Kirche in Rom nicht nur die kaiserlichen Insignien, den Lateranspalast, die Stadt Rom mit ihren Provinzen, sondern gleich auch noch das ganze weströmische Reich. Die Urkunde wurde zur Rechtsgrundlage des Kirchenstaates und begründet den Vorrang des Papsttum vor dem weltlichen Herrschaftsanspruch der Kaiser. Mit der „Pippinischen Schenkung“ erhebt sie gleich noch Anspruch auf das oströmische Reich.

Erst zwei Gelehrte des 15. Jahrhunderts, zuerst 1433 der deutsche Theologe und Philosoph Nikolaus von Kues in De Concordantia Catholica und dann um 1440 der italienische Humanist Lorenzo Valla, wiesen nach, dass die Schenkung eine Fälschung ist. Valla zeigte mit sprachlichen Argumenten, dass das Latein der Urkunde Merkmale zeigt, die die Entstehung im frühen 4. Jahrhundert ausschließen. Außerdem wird in der Urkunde Konstantinopel unter diesem Namen erwähnt, obwohl die Stadt zur angeblichen Ausstellungszeit (315/317) noch Byzantion/Nova Roma hieß. [2]

Fälschung aller Orten

Wer bislang glaubte, dass mit der Geschichte, wie sie in Geschichtsbüchern gelehrt wird, wenn schon nicht alles, aber so doch im Großen und Ganzen alles seine Ordnung hat, wird hier eines besseren belehrt werden. Denn im Mittelalter gab es eine regelrechte Fälschungsindustrie, die von den Klöstern ausging und, wie wir gesehen haben (Konstantinische Schenkung), auch vor Päpsten nicht Halt machte. Der Grund, warum man den Fälscherkreis auf die Kirche einengen kann, ist, dass diese lange Zeit zu den Wenigen gehörten, die überhaupt des Lesens und Schreibens mächtig waren, geschweige denn in der Lage waren, ein Dokument zu fabrizieren, das wie eine kaiserliche, königliche, päpstliche oder sonstwie wichtige Urkunde aussah. Denn die Erstellung einer solchen Urkunde war eine Kunst, unterlag klaren Regeln und wollte geübt sein.

Was die Arbeit der Historiker zusätzlich erschwert, ist der Umstand, dass es sowohl echte Fälschungen (lachen Sie nicht, dies ist nur eine der Absonderlichkeiten, die einem bei der Erforschung der Historie begegnen) gibt als auch Originale, welche dennoch eine gefälschte Geschichte erzählen, weil beispielsweise Namen und Daten auf Originaldokumenten ausradiert und ersetzt wurden.

Es wird z.B. unterschieden zwischen frommer Fälschung und Fälschungen, die einen wahren Kern haben. Fromme Fälschungen wurden erstellt, glaubt man, weil eine geänderte Geschichte besser zum zeitgenössischem Glauben passte, und weshalb die mittelalterlichen Mönche und andere womöglich eine moralische Verpflichtung sahen, die Geschichte zu ändern. Unter einer „Verunechtung“ versteht man z.B. ein retuschiertes Datum oder einen geänderten Namen im ansonsten originalen Text; weiterhin begegnen wir sogenannten „Neuausfertigungen“, Urkunden, die erst viel später ausgestellt wurden, usw.; die Problematik, wie falsche Urkunden zu erkennen und einzuordnen sind, ist nicht unerheblich.

Die Urkundenwissenschaft, oder Diplomatie, geriet nicht erst Ende des 20. Jahrhunderts mit den Veröffentlichungen von Heribert Illig in die Kritik. Mehr und mehr, lange als gesichert geltende Dokumente stellten sich bei genauerer Prüfung als Fälschungen heraus (bereits im 17. Jahrhundert wurden diesbezüglich kritische Stimmen laut), und unterschiedliche Einschätzungen aufgrund verschiedener Expertise führten zu weiteren Kontroversen über die Verunechtung, Fälschung oder glatte Erfindung von Dokumenten besonders aus dem sogenannten Mittelalter.

Die Fälschungsklöster

Was soll man davon halten, dass bei Sichtung der aktuellen Forschung z.B. der Geschichte des 11. Jahrhunderts, der Eindruck entsteht, dass zwei von drei angeblichen Originalurkunden, entweder völlig gefälscht, teilweise gefälscht oder erst viel später geschrieben wurden? Wenn auf den übrig gebliebenen angeblich echten Dokumenten falsche Namen und Daten stehen? Natürlich bin ich nicht selbst in ein Archiv gegangen und selbst wenn man mir einen gefälschten Text vor die Nase halten würde, würde ich ihn nicht erkennen, weswegen ich mein „Wissen“ aus der Lektüre von Wilhelm Kammeier (s. Quellen und Links) beziehe und mich im Zweifelsfall auf ihn berufe.

Ich will mich nicht darin versteigen und behaupten, dass alle Dokumente, welche dem angeblichen Mittelalter zugesprochen werden, gefälscht sind, aber der Umstand, dass „echte“ Urkunden existieren, die eindeutig ein falsches Datum, einen falschen Namen oder gar eine Leerstelle für den Namen haben, oder in denen zum Zeitpunkt der Bezeugung eines Dokumentes die Zeugen schon verstorben waren, ließ Kammeier aufmerken. Dummheit allein kann wirklich nicht für jede Ungereimtheit herhalten, die in diesem Beitrag nicht in aller Umfänglichkeit beschrieben werden können, hierzu sei auf den Link zum Hörbuch von Wilhelm Kammeier am Ende verwiesen.

Diese Fälschungen waren beileibe kein Einzelfall und ein ertappter Urkundenfälscher musste übrigens damals damit rechnen, einen Arm zu verlieren, doch wenig ist bekannt über solche drastische Maßnahmen. Nur wenige diesbezügliche Urteile sind aus dem Mittelalter überliefert. Ach ja richtig, das war wegen der dunklen Zeit …

Der gewöhnliche, sich nicht für Details der Geschichte interessierende Laie, mit einer in dieser Hinsicht nicht sehr ausgeprägten Schulbildung (wie ich es war), wird sich leicht der Einbildung hingeben, dass Fälschungen von Urkunden zwar natürlich gegeben waren, aber doch annehmen, dass es sich bei den aufgedeckten Fälschungen um Einzelfälle handelte und nicht etwa um die Regel. Das tatsächliche Ausmaß dieser Praxis im Mittelalter ist jedoch erschreckend und wird, vielleicht aus gutem Grund, nicht publik gemacht. Wenn Klöster mit einer „Fälschungsindustrie“ in Zusammenhang gebracht  oder schlicht und einfach als Fälschungsklöster bezeichnet werden und sogar ein Ranking der vier produktivsten Fälschungsklöster erstellt wurde, läßt das eine neue Dimension dieser Kunst erahnen, um welche in Fachkreisen eine erbitterte Diskussion tobt.

Das Ranking der Fälschungsklöster

In  Der Einfluss des Islam auf das Christentum schrieb ich (hey ich zitiere mich selber, es geht aufwärts !)

Gleich zwei diesbezüglichen Studien dienten als Grundlage für die Erstellung eines drei- bis vierstufigen ‘Ranking’ der Produktivität der Fälschungsklöster. Es gingen Plätze an:

  1. St. Marien auf dem Berge zu Altenburg
  2. Weingarten
  3. Reichenau und Osnabrück
  4. St. Matthias zu Trier. [3]

Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte, jedoch mehren sich die Hinweise, dass mittelalterliche Klöster professionelle Fälscherei von Pergamenten in großem Stil praktizierten, obgleich die Diskussion um das tatsächliche Ausmaß der Fälschungen noch nicht abgeschlossen ist.

Schon während meiner Recherchen zu den Ursprüngen der Freimaurerei war ich auf jene Fälschungslücke und auf die Theorie von Heribert Illig gestoßen und fragte mich etwas ratlos:

Eines ist mir noch unklar, denn wenn

die Konstantinische Schenkung (lateinisch Constitutum Constantini bzw. Donatio Constantini ad Silvestrem I papam) eine um das Jahr 800 gefälschte Urkunde ist, die angeblich in den Jahren 315/317 vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt wurde und  worin Papst Silvester I. und seinen sämtlichen Nachfolgern eine auf das Geistliche hingeordnete, aber auch politisch wirksame Oberherrschaft über Rom, Italien und die gesamte Westhälfte des Römischen Reichs geschenkt wird [4],

in welchem Jahr genau wurde dann die Urkunde eigentlich gefälscht, wenn oder falls die Jahre 614-911 doch selbst erfunden, d.h. gefälscht sind? [5]

Zu dieser und anderen „unglücklichen“ oder missglückten Fälschungsgeschichten gesellte sich weiter unten auch noch der fabelhafte Eusebius und ich beginne mich wirklich gerade zu fragen … doch nein, es kann doch nicht wahr sein … sollte wirklich ….?  —— Die schwebende Schlussfolgerung unterliegt (einsteilen) der Zensur. Apropos Zensur, die Liste mit den von der Kirche verbotenen Büchern wurde ebenfalls in der Zeit, in der wir eine erhöhten Ausstoß der „intentionalen Geschichtsschreibung“ vermerken können, eingeführt. War die Inquisition nur ein Vorwand dafür, unerwünschte Geschichte löschen zu können?

Leider sind meine Lateinkenntnisse eingerostet, und nur wenige deutsche Titel auf der seit den 1960er Jahren zugänglichen Liste der vom Vatikan verbotenen Bücher sind im Zusammenhang irgendwie aufregend, aber die von 1949 vorliegende Liste mit 6000 Einträgen wäre es sicherlich einmal wert unter diesem Aspekt untersucht zu werden (die Liste gibt’s im Anhang). Ich selbst fand nach der Durchsicht der Hälfte der Liste nur sehr wenige Bücher, die sich mit Chroniken oder Geschichte befassen und die auf dem Index standen. Dennoch, das könnte spannend werden, mehr dazu irgendwann weiter unten.

Geschichtsfälschung im großen Stil?

Bei der Kontroverse geht es um mehr als nur die Frage, wieviele Urkunden gefälscht sind, es geht um die sogennanten„harten“ Fakten, die sich bei genauerer Betrachtung im Falle der Diplomatie als sehr biegsam und flexibel erweisen und zu einer Neueinschätzung unserer Geschichte führen müssten, wenn die zahlreicher werdenden Kritiker der Diplomatik (von Diplom, Urkundenforschung) sich durchsetzen sollten. Es geht um das Ansehen einer ganzen Zunft, die sich verständlicherweise vehement gegen die Möglichkeit einer gefälschten mittelalterlichen Chronologie verwehrt.

Wilhelm Kammeier zitiert in seinem Buch, „Die Fälschung der deutschen Geschichte“ von 1935 H.Breslau, die folgende Bilanz:

„Es sind von den uns überlieferten Dokumenten der Merowinger fast 50%, von den ersten vier Karolingern etwa 15%, von denen der ersten sächsischen Könige etwa 10% gefälscht.“

H.Hoffmann gibt folgende Übersicht: Von den 262 Urkunden des Kaisers Karl, des Großen, sind nicht weniger als 98, d.h. fast 2/5 völlig gefälscht. Bei Heinrich findet er zwei, bei Otto I. 31, bei Otto II. acht, bei Otto III. 13, bei Heinrich II. 25, bei Konrad III. 13 Urkunden. Sämtliche Karolinger-Urkunden des Bistums Osnabrück (8 Stück) und noch zwei Urkunden Otto´s I. von dort sind Fälschungen. Von den ersten 11 Gandersheimer Urkunden sind sieben falsch. Von weit über 100 Urkunden, vornehmlich Passauer Bischofsurkunden aus dem 11. und 12. Jahrhundert sind über 50 unecht oder verunechtet. Scheinbar ist kein Kloster ausgenommen von dieser Praxis, kein Archiv ohne Fälschung.

Das Landesarchiv Baden-Württemberg bestätigt diese Einschätzung:

Immer wieder kann man Urkunden, die bisher als echt galten, als gefälscht entlarven. Im Mittelalter hat man viel gefälscht. Es gab regelrechte Fälscherwerkstätten – vor allem in den Klöstern, von denen die Schriftkultur gepflegt wurde. Die Motive waren unterschiedlich. Neben der bewussten Fälschung im heutigen Sinn stehen Fälle, in denen man durch Rekonstruktion verloren gegangener Texte dem Recht Geltung verschaffen wollte. [6]

Die fromme Fälschung

Wilhelm Kammler „Die Fälschung der deutschen Geschichte“ 1935 27:00 https://youtu.be/Ko59qN6Z-L0

Sind die mittelalterlichen Urkundenfälschungen praktische Fälschungen, dienten sie also der Vorteilsgewinnung?

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Beispiel einer Urkundenfälschung angeblich aus dem 11. Jahrhundert – Von einer echten Urkunde schabte man die Schrift ab und konnte so das gewonnene Stück Pergament neu beschreiben. Die Urkunde soll angeblich König Dagobert I. aus dem Geschlecht der Merowinger ausgestellt haben, der 639 starb. Doch das Stück ist eine Fälschung. [7]

Die verschiedensten Gründe werden angeführt, warum Urkunden gefälscht wurden, sicher ist, dass in der Anfangszeit Diplome nur von der Kirche und von den Herrschern ausgestellt wurden. Der Hauptproduzenten von Urkunden war eindeutig Kirche und Klöster.

Wenn sich ein Kloster oder ein Bistum existentiell bedroht sah oder die Möglichkeit sah, Stellung und Einfluss zu sichern, wenn nicht zu verbessern, war man wohl schnell dabei zu Feder und Pergament zu greifen, und man war sogar bestrebt, die Fälschung möglichst glaubhaft zu machen, indem Begleitdokumente produziert wurden, die sich gegenseitig bestätigten. An Fantasie mangelt es den Fälschern dabei nicht,  was die folgende, einem Artikel der Uni Marburg entliehene, Geschichte belegt.

Im Mittelalter galt über weite Strecken der Grundsatz, dass das älteste Recht bzw. der ältere Rechtstitel auch der bessere sei. In St. Maximin erfand man daher eine Geschichte, die der Abtei einen uralten Rechtstitel sichern sollte: Dagobert habe nämlich, so lesen wir in der Urkunde, einige Gesandte in das Kloster geschickt, um zu erfahren, wer es gegründet habe und wem es gehöre. Nach der Lektüre alter Urkunden habe man herausgefunden, dass schon der römische Kaiser Konstantin (gest. 337) den Grundstein für die Abtei gelegt habe. Diesen – vermeintlich uralten – Rechtstitel wolle er, Dagobert, als Nachfolger Konstantins nun dem Kloster bestätigen. [8]
Eine Legende zu bilden war auch schon vor unserem digitalen Zeitalter möglich, dazumals mittels einer Papierspur und aufgrund einer Art Monopol auf die Erstellung und Verwaltung von Urkunden und weil nur eine sehr kleine Clique des Lesens mächtig war, welche diesen Umstand weidlich auszunutzen verstand.

Eberhard – Fälscher von Gottes Gnaden?

Besonders hervorgetan hat sich dabei ein Mönch Eberhard aus Fulda. Im Urkundenbuch des Klosters Fulda von Edward E. Stengl , N.G. Elwert’sche Verlagsbuchhandlung 1913 untersuchte Stengl die Geschichte des Klosters, also dessen urkundliche Erwähnungen. Im ersten Halbbuch des Textes kommt der Name Eberhard 226 mal vor, die Worte ‚Fälschung‘,  ‚gefälscht‘ oder ‚verfälscht‘ mehr als 40 mal. Zugegeben, nicht immer in direktem Zusammenhang mit Eberhard, aber doch in der Mehrzahl der Fälle.
Wikipedia merkt dazu an:
Beim Codex Eberhardi handelt es sich um „eine der größten Fälschungsaktionen, die im Mittelalter jemals in einer einzigen Werkstatt erfolgten.“ (Vogtherr, S. 47)

Man muss auch gerechterweise hinzufügen, dass große Teile der Sammlung frei von Interpolationen und Fälschungen sind. [9]

[…] Zusammenfassend sei angemerkt, dass der Mönch oder Konverse Eberhard seine Fälschungen unter anderen Gesichtspunkten sah als moderne Juristen: „Was dieser Mönch tat, diente nicht seinem eigenen Vorteil, sondern er fälschte zum Wohle des Konvents, dem er angehörte.“ (Vogtherr, S. 49).

Die dem Mönch Eberhard in der bisherigen Forschung unterstellten Fälschungen wurden dahin revidiert, dass die Fälschungen in erster Linie auf die Kaiser- und Königsurkunden sowie die der Päpste zu beziehen sind. Auch Meyer zu Ermgassen hält Eberhards Fälschungen für „inhaltlich geringfügig„.[10]

Da haben wir sie, diese gleichsam zwiespältige Einschätzung von anerkannt zweifelhaften Urkunden, die von Historikern, wie man bei Kammeier zur Genüge nachlesen kann, bis zur geradezu absurden Vollendung der Begründung betrieben wird, wieso das eindeutig gefälschte, verfälschte oder verunechtete Dokument X dennoch von historischen Wert wäre. Einerseits lügt Eberhard wie gedruckt, wenn es um die Urkunden von Königen und Päpsten geht, darüber ist man sich nun wohl einig, andererseits will man aus seinen Werken Rückschlüsse bis in die Zeit der Frankenkönige ziehen. Der vorletzte Satz bei Wikipedia im Eintrag über den Codex Eberhardi lautet somit auch:

[…] Eine Fülle von Detailangaben in der Handschrift gestattet Historikern Einschätzungen über die Anfänge von Siedlungen und Orten bis in die Zeit der Frankenkönige.

Fälschung bleibt Fälschung

Nun ist der ansonsten ziemlich unbekannte Eberhard beileibe nicht der einzige „mittelalterliche“ Mönch, der sich in bester Absicht dazu berufen fühlte, Urkunden zu fälschen, Beispiele gibt es zuhauf und einige werden uns im weiteren Verlauf unserer Reise durch eine zunehmend virtuell wirkende Geschichte noch begegnen.

Eberhard soll eine andere Einstellung gehabt haben, als moderne Juristen, heißt es zur Entschuldigung eines kriminellen Mönches. Ist das wirklich so? Selbst wenn Eberhard das BGB nicht kannte, so war doch in den meisten Bibeln vom Verbot des Lügens zu lesen. „Du sollst nicht Lügen!“ Kann man diesen Satz wirklich falsch verstehen?

Wer Urkundenfälschung und die Verwendung dieser Fälschung zum eigenen Vorteil oder zum Vorteil von etwas oder jemand anderem betreibt, müsste schon ein Jesuit sein (kleiner Scherz, haha), um diese Handlung nicht als Lüge zu begreifen (das Fuldaer Kloster war eines der Benediktiner).

Den modernen und vielleicht gegenüber offizieller Historie leicht kritisch eingestellten, mit dem Problem der mangelnden Belege der Karolingerzeit vertrauten Leser (hier greife ich vor und verweise auf einige der Seltsamkeiten, die Heribert Illig in seiner Fantomzeitthese anspricht) könnte es leicht beunruhigen, wenn er erfährt, dass auch ein anderer Mönch dieses Klosters, und somit anzunehmend ein dieser Tradition benedektin’scher Geisteshaltung verpflichteter Mönch, zu Berühmtheit gelangte, nämlich der Freund und Biograf vom hell strahlenden Karl, dem Großen – Einhard, von dem später noch berichtet wird. Der erste Abt von Fulda, Sturmius, soll wiederum auf dem nahe Rom gelegenen (benedikin’schen) Kloster Monte Cassino eingeweiht worden sein. Das Kloster Monte Cassino spielt lt. Einhard auch im Leben Karls eine Rolle, schon 782 besuchte er angeblich das Kloster Fulda. So klein war die Welt schon damals.

Würde man aber der oberflächlichen Argumentation folgen, dass Mönche wie Eberhard ein anderes Rechtsverständnis zur Ausübung ihrer Taten bewog, dann mag man sich einmal ernsthaft die Frage stellen, was passieren könnte, wenn Menschen mit diesem seltsamen Rechtsverständnis zur rechten Zeit am rechten Ort über die richtige Organisation verfügen. Man hat das ja schon an Leuten zu Hitler’s Zeiten gesehen, die offenbar ein anderes Rechtsverständnis hatten, und alles mögliche taten, weil es ihr Rechtsverständnis anscheinend gestattete. Geschichtsverfälschung ist selbstverständlich kein mittelalterliches Problem. Was die Zeit vor und nach dem zweiten Weltkrieg angeht, habe ich mir beispielsweise in I.G. Farben und das amerikanische Establishment so meine Gedanken gemacht, aber das ist eine andere Geschichte.

Markward I. (gest. angeblich 1168)

Sehen wir uns die Situation Eberhards noch einmal an, auf dem alle Schuld abgeladen wird.

Markward I. fand, lt. seiner Geschichte, die in der „Gesta Marcuardi“ festgehalten wurde, eine wirtschaftlich desolate Situation vor, als er sein Amt als Abt in Fulda antrat, und auch das Archiv war wohl in Unordnung geraten.

Eberhard sollte nun im Auftrag von Markward I. ein Kopialbuch der vorhandenen Urkunden des Klosters schaffen. Was tut Eberhard in dieser Lage? Erkennt er intuitiv, wie wichtig seine Aufgabe ist und fälscht so gut es geht drauf los oder erhält er von Markward den expliziten Auftrag, für seine falschen Beurkundungen? Was noch fragwürdiger ist: wer gab Eberhard den Auftrag, die Originalurkunden im Anschluss seiner kreativen „Kopistenarbeit“zu vernichten?

Wikipedia schreibt dazu:

Unter seinem Abbatiat wurde durch den ansonsten unbekannten Eberhard, vielleicht einem Fuldaer Mönch oder Konversen, in einer der größten bekannt gewordenen Fälschungsaktionen des Mittelalters das Fuldaer Urkundenregister zu Gunsten des Klosters redigiert und in einem so genannten Cartular zusammengefasst (der sog. „Codex Eberhardi“), viele Originalurkunden anschließend vernichtet.

Dieser Markward wird auf Wiki als wahrer Fürst beschrieben.

Sofort nach seiner Weihe in Rom restituierte [hatte das was mit Urkunden zu tun? C.B.] Markward zahlreiche entfremdete Klostergüter, die in die Hände benachbarter, einheimischer Adelsfamilien gelangt waren, er stellte die Rechte des Klosters [mittels Eberhards Urkunden? C.B.] vielerorts wieder her, bekämpfte auch militärisch das um sich greifende Raubrittertum, zerstörte Burgen, auf denen sich „Diebe und Räuber“ eingenistet hatten und umgab die Stadt Fulda mit „sehr starken Mauern“, Wällen, Dämme und Toren. Auch die desolate Bausubstanz des Klosters selbst stellte er wieder her. So wiederrichtete er den bereits 1120 eingestürzten Südturm der 791–819 errichteten Ratgarbasilika und sorgte für eine funktionierende Wasserversorgung innerhalb des Monasteriums. [11]

Die mittelalterlichen Äbte jedenfalls, allen voran Markward, waren der Geschichte nach nicht gerade zimperlich. Markward scheint sich nach dieser Schilderung auf militärische Feldzüge begeben zu haben, und hat dabei vielleicht auch den einen oder anderen Räuber über die Klinge springen lassen? Das erste Gebot der Christen schien ebenso wie die Sache mit dem <Du sollst Nicht Lügen!> noch nicht so recht in Gebrauch gewesen zu sein bei den frühen Benediktiner-Mönchen, oder, sie hatten halt diese seltsame mittelalterliche Rechtsauffassung, von der wir schon hörten, und die übrigens auch zu Zeiten der Eroberung der neuen Welt noch gang und gäbe war. Schließlich soll einer der Päpste noch Mitte des 15. Jahrhundert den Portugiesen das Recht verliehen haben, sich in den eroberten Gebieten Sklaven zu Untertan zu machen.

Markward scheint seine Domäne im Namen der Benediktiner gewaltig ausgeweitet zu haben, und hatte (anscheinend) keinerlei Probleme mit den gefälschten Urkunden, jedenfalls ist bei Wikipedia, auf das ich mich für die offizielle Geschichte schwer stütze, nichts von einem Prozess oder einer Anklage wegen Urkundenfälschung zu lesen.

Er gilt als ein bedeutender Abt, der verloren gegangene Besitztitel seines Klosters restituierte, die Bausubstanz ausbaute sowie das Land des Klosters mit festen Burgen absicherte. [12]

Es folgen einige weitere Beispiele für die weit verbreitete Praxis der Fälschung von Urkunden, wobei vorerst einmal dahingestellt sei, aus welchem Grund dies geschah.

Reichenau

Im Reichenauer Kloster wurden nicht nur die das Kloster selbst betreffende Geschichte gefälscht, sondern gleich regional; gefälschte Urkunden mit beinahe gleichlautendem Inhalt verbreiteten sich in der gesamten Diakonie Reichenau, wie z.b. in Stein a. Rhein oder Ravensburg, was auf eine gemeinsame Intention hinweisen könnte. Teile von Originaldokumenten wurden „editiert“, um eine eigene, besser passende Geschichte einzufügen. Weltliche Mächte nutzten die Praxis später, um sich selbst zu überhöhen, z.B. um durch eine lange Ahnenreihe auf göttliche Abstammung zu verweisen und so die eigene Vorrangstellung zu rechtfertigen.

Mainz

Schon zu Zeiten Lulls wurde dessen 782 erstmals urkundlich fassbarer [Anm. 77] Rang als Erzbischof mit Hilfe einer auf Mainz umgefälschten Papsturkunde, nach der Bonifatius zum Erzbischof in Köln ernannt wurde, um eine Generation vordatiert und zugleich der Geltungsraum sehr großzügig umschrieben. [Anm. 78] Im 11. Jahrhundert wird der Metropolitenrang noch erheblich weiter vorverlegt, in die Zeiten Dagoberts, so dass Bonifatius schon bei seiner ersten Rheinreise an einen Metropolitansitz kommt. [13]

Bayern

Im Historischen Lexikon Bayerns wird angenommen, dass viele Fälschungen der nachträglichen Beurkundung von gewohnheitsmäßigen Rechten dienten, dass andererseits aber auch Missbrauch mit dieser Praxis betrieben wurde:

Insbesondere im 12. und 13. Jahrhundert, selten noch im 14. Jahrhundert wurden Urkunden gefälscht, wenn man ein gewohnheitsmäßig besessenes Recht nicht mit einer darüber ausgestellten Urkunde beweisen konnte. In diesem Falle spricht man von einer formalen Fälschung, weil man zum rechtlich unbestrittenen Tatbestand lediglich die entsprechende Urkunde nachträglich schuf. Dasselbe Mittel der Fälschung konnte aber auch in vielen Abstufungen dazu verwandt werden, sich Rechte zuzulegen, die man bis dato nicht besessen hatte, aber gerne gehabt hätte. Das spektakulärste Beispiel des Spätmittelalters ist das Privilegium Maius, mit dem Herzog Rudolf IV. von Österreich (reg. 1358-1365) 1358/1359 dem Herzogtum Österreich weitreichende Privilegien verschaffte. Die Fälschung wurde damals nicht erkannt.

Fälschungen waren keine Seltenheit, wie wir allmählich erkennen. Waren all diese Fälschungen Einzelaktionen von fälschenden Mönchen?

Es erscheint zumindest unwahrscheinlich, dass so viele Mönche im Geheimen dieser zeitraubenden Angelegenheit nachgingen, wie es der Fall gewesen zu sein scheint. Nein, Fälschungen wurden von den Klöstern auf Bestellung geliefert und gingen von höchster Stelle aus. Die Vorstellung, es handle sich bei der mittelalterlichen Fälschungsaktion zum überwiegenden Teil um Fälschungen von Einzelgängern ist nicht haltbar.

Wir werden noch weitere Fälschungen kennenlernen. Allerdings gibt es eine Klasse von Fälschungen, auf die weder im historischen Lexikon Bayerns noch in den meisten anderen offiziellen Nachschlagewerken eingegangen wird, welche aber von Kammeier identifiziert wurde. Auf diese passt weder die Bezeichnung praktische Fälschung (zur unmittelbaren eigenen Vorteilsgewinnung), noch ist deren Zweck die Verbriefung gewohnheitsmäßigen Rechts.

Die naive Fälschung? und andere Klassiker

Manche Fälschungen scheinen aus heutiger Sicht geradezu absurd naiv, falls die dahinter stehende Motivation tatsächlich richtig eingeschätzt wird. Z.B. hat sich der Verfasser der 1394 erschienen „Österreichischen Chronik“ eine geradezu unglaubliche Mühe gemacht, den Stammbaum der Herrscher Österreichs in vielen Details zu erstellen. Nicht nur wann die Ur-Österreicher geboren worden waren und wann sie starben, sondern auch wer wen geheiratet hat und mehr wurde in der Chronik verewigt.

Die Österreichische Chronik aus dem 14. Jahrhundert erzählt über eine Zeitspanne von 2975 Jahren die Geschichte der Herrscher Österreichs, mitsamt 81 erfundenen Herrschern, deren Familien und Eckdaten und Fabelnamen für das antike Österreich. Stellen Sie sich ein Monumentalwerk wie Tolkiens Berichte aus Mittelerde ohne Hobbits vor, dann bekommen Sie eine ungefähre Vorstellung von dem Werk. [14]

Diese Legende gehört mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso ins Reich der Legenden, wie die „Konstantinische Schenkung“ („Constitutum Constantini“). Die berühmtesten gefälschten kirchlichen Schenkungen neben der Kontantinischen sind:

Die „Ravennater-Fälschungen“ (1084; Bergbau auf Edelmetalle wurde als „Regalium Sti. Petri“ dargestellt), das Decretum Gratiani, die Pseudoisidorischen Dekretalen, die „Lorcher Fälschungen“, der Brief des Presbyters Johannes und die Gattung der Jenseitsbriefe.

De crimine falsi

Ist de crimine falsi von Papst Innozenz III. eine Anleitung oder handelt es sich um eine Beschreibung einer in großem Umfang praktizierten Tradition?

Zur Technik des Siegelmissbrauchs und der Siegelfälschung finden sich aufschlussreiche Einzelheiten in einem Dekretale Papst Innozenz‘ III. (de crimine falsi). Darin sind neun Arten der Fälschung päpstlicher Schreiben aufgelistet:
1.) Das Versehen einer gefälschten Urkunde mit einer gefälschten Bulle (ut falsa bulla falsis literis apponatur).
2.) Dass der Faden aus einer echten Bulle ganz herausgezogen wird und diese mit einem anderen eingelassenen Faden in einen falschen Brief eingezogen wird.
3.) Das Versehen eines gefälschten Schreibens mit einer echten Bulle, wobei der Faden unter dem Umbug (plica) des Pergaments durchgeführt wird.
4.) Das Versehen eines gefälschten Schreibens mit einer echten Bulle, wobei der Faden unter dem Blei abgeschnitten und am Falsifikat wieder unter das Blei zurückgeführt wird.
5.) Die Veränderung eines ausgefertigten und mit einer Bulle versehenen Schreibens durch leichte Rasur (… per rasuram tenuem immutatur).
6.) Das Fälschen einer echten und mit einer Bulle versehenen Urkunde durch teilweises Löschen der Schrift, neuem Weißen des betreffenden Pergamentgrundes und Neubeschriftung.
7.) Das Fälschen einer echten und mit einer Bulle versehenen Urkunde durch Löschen des Textes und Überkleben mit einem dünnen, in derselben Aufteilung neu beschrieben Pergament.
8.) Das wissentliche und ungesetzliche Entgegennehmen von päpstl. Schreiben von Anderen als dem Papst selbst oder seinem Bullatoren.
9.) Das Einschmuggeln gefälschter Briefe in das Siegelamt, damit sie zusammen mit anderen mit einer echten Bulle besiegelt werden. [15]

Bild der Wissenschaft – Zwei Drittel der Merowinger-Urkunden sind Fälschungen

Von den merowingischen Königen, den Vorgängern der Karolinger, sind 196 Urkunden überliefert, davon 38 im Original. Doch zwei Drittel aller dieser Texte bekräftigen oder verkünden Besitz- oder Privilegienansprüche, die nicht gerechtfertigt sind. Es handelt sich um Fälschungen, die etwa 400 Jahre nach dieser Herrscher-Dynastie entstanden sind, um angebliche Besitzrechte zu behaupten. Dies hat jetzt der Bonner Historiker Theo Kölzer in einer fast 1000-seitigen kommentierten Quellen-Edition belegt. […]

[…]Die Fälscher klebten zwei echte Papyrus-Dokumente aus der Merowinger-Zeit (ca. 450 bis 751 n. Chr.) an ihrer Text-Seite zusammen und beschrieben die leeren Rückseiten in Amtslatein mit den Verfügungen zu ihren Gunsten. [16]

Auf diese Weise wurde ursprüngliche Geschichte vernichtet und neue erfunden. Christian Rohr vom Fachbereich Geschichte der Uni Salzburg erklärt die Fälschungen (nach einem Seitenhieb gegen die Presse) teilweise mit einem sonderbaren Geschichtsbewusstsein, welches die Menschen im Mittelalter durchdrungen habe:

[…] man spricht auch von „intentionaler Geschichtsschreibung“ (vgl. heutige Zeitungen). Oft wurden einfach einige Worte hinzugefügt oder weggelassen, ersetzt oder sonstwie verändert. In der Urkundenlehre hat sich dafür der Begriff „verunechtet“ eingebürgert. Dies soll freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es immer wieder groß angelegte Fälschungscorpora gab, z. B. die des Bischofs Pilgrim von Passau (961-991) oder das Privilegium maius (1358/59). [17]

Im renommierten Fachbuch „Werkzeug für Historiker“ von Ahsver von Brand steht dazu:

Die Fälschung von Urkunden ist im Mittelalter, namentlich in der Zeit vom 10. bis zum 13. Jahrhundert in einer Massenhaftigkeit betrieben worden, von der sich der Laie kaum eine Vorstellung machen kann. Man hat mit guten Gründen angenommen, dass von den erhaltenen angeblichen Merowingerurkunden etwa jede zweite, von den für geistliche Empfänger bestimmten Urkunden (soweit sie angeblich vor dem 12. Jahrhundert entstanden) schätzungsweise zwei Drittel ganz oder teilweise gefälscht sind [v. Brand, S.98] [18]

??? Mit dieser Aussage wollte ich mich nun wirklich nicht zufrieden geben, was, in Gottes Namen (haha), hatte die Leute damals so massenhaft, ja geradezu wahnhaft dazu bewogen, Dokumente zu fälschen …?

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