Der Einfluss des Islam auf das Christentum (bis 1300)

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Geschichte vor 1600 – Zeit der mörderischen Glaubenskriege

Ab Mitte des ersten Jahrtausends

Bild Wiki: Der Herrschaftsbereich der Abbasiden

Natürlich gibt es immer noch eine Geschichte vorher. Die Vor-Geschichte, welche zu derjenigen Geschichte führt, welche eigentlich erzählt werden soll. Diese Geschichte zu erzählen ist wichtig, doch gleicht der Versuch in Bezug auf die Vorgeschichte der Freimaurer dem Versuch mit einer Hand Wasser aus dem Meer schöpfen zu wollen und sich sodann zu wundern, warum das Meer sich nicht leert.

Insofern ist das ausgehende erste Jahrtausend für die Betrachtung der Freimaurergeschichte willkürlich, doch es gibt einen Unterschied zu anderen Jahrhunderten zuvor. Zu Beginn des neuen Jahrtausends beginnt eine Vermischung christlicher und muselmanischer Kultur, welche sich sowohl auf die Denkungsart als auch auf religiöse und soziale Gebräuche auswirkte, und die sowohl fruchtbar ist, als auch letztlich zur Zerstörung der bisher bekannten Strukturen von Staat und Religion führen würde.

Die Blütezeit des Islam

Bagdad war im 9. Jahrhundert unter der Herrschaft der Abbasiden zu einer bedeutenden Bildungsstätte geworden. Griechische und aramäische Texte wurden übersetzt, z.B. gingen alle späteren Fassungen des Euklid auf Gerhard von Cremona zurück, der Texte der Übersetzerschule in Bagdad rückübersetzte.

819 liess sich der Absassiden-Herrscher al-Maʾmūn wieder in Bagdad nieder und widmete sich bis zu seinem Tod 833 vor allem der Förderung der Wissenschaften. Um 830 gründete er zu diesem Zweck das Haus der Weisheit (bait al-ḥikma). Damals übernahmen die Muslime das wissenschaftliche Erbe der griechischen Antike und entwickelten es weiter. [9]

Dieser Blütezeit des Islam unter den Abassiden haben wir z.B. auch das Dezimalsystem und weitere Errungenschaften zu verdanken.

Bild Wiki: Das unter al-Mutawakkil errichtete Spiralminarett von Samarra, eines der wichtigsten Architekturdenkmäler der Abbasidenzeit
  • Die Banu Musa-Brüder waren die ersten, die sich mit griechischer Mathematik und Astronomie beschäftigten und deren bedeutendstes Werk „Kitab marifat masakhat al-ashkal“ später von Gerhard von Cremona („Liber trium fratum de geometria“) übersetzt wurde.
  • As-Sabi Thabit ibn Qurra al-Harrani (826-901) aus Harran und Angehöriger der Sabäer-Sekte, war ein bedeutender Mathematiker und Astronom, wurde ebenfalls von Gerhard von Cremona übersetzt. Auf ihn gingen alle späteren Euklid-Fassungen zurück.
  • Abu Abdallah Mohammad ibn Jabir Al-Battani (850-929), ebenfalls aus Harran, war ein bedeutender Astronom und übte mit seinem Hauptwerk „Kitab al-Zij“, das 1116 von Plato von Tivoli übersetzt wurde („De motu stellarum“), bedeutenden Einfluss auf Tycho Brahe, Kepler, Galileo und Kopemikus aus.
  • Der Mathematiker Al-Chwarizmi verbreitete das neue Zahlensystem in seinem Buch „Hisab al- jabr w’al-muqabala“ über die Algebra. Von seinem Namen leitet sich der Begriff „Algorithmus“ ab.
  • Abu Yusuf Yaqub ibn Ishaq as-Sabbah Al-Kindi (801-873), bedeutender Mathematiker und Philosoph, wird als „Philosoph der Araber“ bezeichnet und beschäftigte sich mit dem indischen Zahlensystem. Dabei entdeckt er das, auf den indischen Mathematiker Brahmagupta zurückgehende, Dezimalsystem mit der Zahl Null, das nun von den Arabern übernommen wird.

Bild Wiki: al-Chwarizmi auf einer sowjetischen Briefmarke anlässlich seines 1200. Geburtstags

Spanien sollte unter Al-Hakam II. (961-976) seine größte Blüte erreichen, besonders Cordoba, Sevilla und Toledo wurden bekannt als Zentren des wissenschaftlichen und kulturellen Lebens.

Unbestreitbar ist der große Einfluß von Wissenschaft, Philosophie und Schulen der arabischen Welt auf die Gelehrten im christlichen Europa, die in den letzten Jahrhunderten von der Autorität des Papsttums und den ewigen absoluten Gebietsansprüchen seiner christlichen Herrscher in Bann gehalten wurden und während dieser Zeit in eine Art Dornröschenschlaf verfallen waren. Oder gab es drei Jahrhunderte der europäischen Geschichte gar nicht? Heribert Illig vertritt die These, dass aufgrund von Geschichtsfälschung, vorsätzlich oder nicht, drei Jahrhunderte der europäischen Geschichte erfunden wurden! Dazu später mehr.

Die Ideen und Theorien, die aus der muselmanischen Welt herüberschwappten, führten  zur Bildung von Universitäten auch in der christlichen Welt, in denen zu Beginn Medizin, kanonisches Recht und Theologie gelehrt wurde. Mit Friedrich II. (1194-1250) trat ein fortschrittlicher christlicher Herrscher offen für einen Austausch von Kultur und Wissen mit der muselmanischen Welt ein. An seinem Hof ist man offen für die Künste der Gelehrten des Kalifats, was von unruhigen Geistern als ermutigendes Zeichen für weitere Forschungen genommen wird.

Bislang waren die Beziehungen zwischen Christen und Mohammedanern gelinde gesagt angespannt. Bei der Betrachtung der Zeitlinie fällt auf, dass die Wissenschaft in der arabischen Welt die größten Fortschritte machte, als das Kalifat auf dem Höhepunkt seiner Macht war und versuchte nach Europa vorzudrängen.

Moslemische Expansion und die Kreuzzüge

Im 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, einer Zeit, die von den Religions- und Eroberungskämpfen zwischen islamischen und christlichen Heeren ebenso geprägt wurde, wie von Streitigkeiten der Fürsten der christlichen und arabischen Welt untereinander, aber auch von Überfällen im Namen des Glaubens und des Profits auf Dörfer und Landstriche, bei denen feige gemordet und gebrandschatzt wurde, und die weder den Christen noch den Mohammedanern zur Ehre gereichte, gelangt die Kabbalah nach Europa.

Insbesondere die Kreuzzüge, die 1095 mit dem 1. Kreuzzug begannen, rufen bei den meisten wohl lebhafte Bilder vor Augen und Geschichten von Tempelrittern und Kreuzfahrerheeren. Weniger in Erinnerung ist hingegen der Umstand, dass den sogenannten Kreuzzügen eine Zeit aggressiver Expansion des Islam vorangegangen war.

Der folgende Auszug aus einer noch viel längeren Liste stammt aus einem Artikel, der sich mit der expansionistischen Eroberungspolitik muselmanischer Herrscher schon vor Beginn der Kreuzzüge beschäftigte und soll einen Eindruck jenes eher unbekannten Teils der Geschichte vermitteln.

[…] 843 n.Chr. (256 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Arabische Eroberungsversuche auf Rom scheitern. Die Stadt und das Umland werden geplündert bzw. gebrandschatzt, die Bevölkerung gefangen und versklavt.
844 n.Chr. (255 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge) Eroberung der sizilianischen Stadt Modica.
848 n.Chr. (251 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Im August wird die Stadt Ragusa auf Sizilien von den Arabern geplündert und zerstört, trotz der Tatsache (laut Ibn al-Athir), daß die Bewohner mit den Arabern Frieden geschlossen und ihnen die Stadt überlassen hatten.
848 n.Chr. (251 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Muslimische Einheiten überfallen und plündern Marseille, das Umland wird schwer verwüstet. Geiseln und Sklaven werden genommen.
851- 852 n.Chr. (248 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Das kurzfristig befreite Benevent (Kampanien/Italien) wird erneut von den Muslimen besetzt. Die Besatzer richten ein Blutbad unter der Bevölkerung an.
855 n.Chr. (244 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Alle Christen der Stadt Hims in Syrien werden deportiert oder exekutiert, Zerstörung aller Kirchen.
856 n.Chr. (243 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Arabische Invasoren attackierten und zerstörten die Kathedrale von Canossa in Apulien. Die Stadt wird geplündert und Sklaven genommen.
859 n.Chr. (240 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Muslimische Truppen überfallen und plündern erneut in Südfrankreich.
Eroberung der Stadt Enna.
860 n.Chr. (239 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Eroberung von Pamplona.
861 n.Chr. (238 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Eroberung von Ascoli.
866 n.Chr. (233 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Plünderung aller Kloster im Wadi Natrun (Libyen).
868 n.Chr. (231 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Die Araber erobern die Stadt Ragusa auf Sizilien endgültig.
870 n.Chr. (229 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge):  Die Araber erobern die Insel Malta und zerstören dort die fast 700 Jahre ungebrochen existierende christliche Kultur. Sie bleiben bis 1090.
878 n.Chr. (221 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Moslemische Truppen erobern und brandschatzen die sizilianische Stadt Syrakus.
879 n.Chr. (220 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Muslimische Sarazenen zerstören Numistro in der Provinz Potenza.
880 n.Chr. (219 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Muslimische Truppen erobern und plündern Nizza.
882 n.Chr. (217 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Muslimische Invasoren errichten an der Mündung des Garigliano zwischen Neapel und Rom, eine Basis von dem sie aus Kampanien sowie Sabinia im Latium angegriffen.
884 n.Chr. (215 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Rametta erobert, Kloster Monte Cassino bei Rom zerstört, Syrakus nach neunmonatiger Belagerung erobert – Ermordung Tausender.
888 n.Chr. (211 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Muslimische Truppen errichten in der Provence mit Fraxinetum einen neuen Brückenkopf, der sich den spanischen Mauren unterstellte. Von dort unternehmen sie Plünderungen im Westen bis nach Arles (Hauptstadt des Königreichs Burgund) sowie entlang der Rhone bis Avignon, Vienne (bei Lyon) und Grenoble.
900 n.Chr. (209 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Eroberung der Stadt Catania.
901 n.Chr. (208 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Massaker an Tausenden von Christen in Sevilla und Umgebung.
902 n.Chr. (197 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Moslemische Truppen erobern und brandschatzen die sizilianische Stadt Taormina.
903 n.Chr. (196 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Nach der Plünderung von Thessaloniki werden 20’000 Christen unter den arabisch-muslimischen Stammeshäuptern verteilt.
911 n.Chr. (188 Jahre vor Beginn der christlichen Kreuzzüge): Der Bischof vom Narbonne ist nicht in der Lage von Frankreich nach Rom zu gelangen, da Muslime die Alpenpässe besetzt haben. Wegelagerei, Sklaverei und Plünderungen sind an der Tagesordnung. […]

[4]

Die Sarazenen hielten Italien und besonders Süditalien immer wieder mal besetzt, Sizilien bot sich als Stützpunkt für weitere Eroberungen natürlich an. Historiker fassen diese Zeit in mehreren Eroberungswellen zusammen.

Bild Wiki: Europa und Sizilien vor der Invasion Siziliens um 814

Henri Pirenne vertrat die für Jahrzehnte maßgebliche These, dass erst die im 7. Jahrhundert einsetzende islamische Expansion einen das Abendland beeinträchtigenden Einschnitt dargestellt habe, indem es von den wichtigen Handelsbeziehungen über das Mittelmeer getrennt worden sei und zwischen dem christlichen Abendland und den von der islamischen Expansion vereinnahmten Ländern kein Austausch mehr stattgefunden habe. [11] Allerdings gilt diese These heute als widerlegt.

Bild Wiki: Italien um 1000

Phantomzeit

Es gibt jedoch ein Problem mit dem 7. -10. Jahrhundert, d.h. eher eine Theorie. Es existieren z.B. auf Sizilien, dieser heiss umkämpften Insel, nämlich überhaupt keine arabischen Relikte aus jener Zeit. Immerhin soll dort einst eine Moschee gestanden haben, in der 7.000 Leute Platz gehabt haben. Die Stadt selbst soll floriert haben. Trotzdem bleibt es dabei – keine Funde vor dem 10./11. Jahrhundert. Auf Fantomzeit ist zu lesen:

[…] Aber es fehlen ja nicht nur die arabischen Relikte. Auch für die Christen vom 7. bis zum frühen 10. Jh., die doch immer klare Bevölkerungsmehrheit geblieben sei sollen, ist noch nichts gefunden worden. Wofür die Araber ein Dutzend Großinvasionen und noch einmal so viele Raubzüge gegen die Insel unternommen haben und was die Byzantiner mit mächtigen Armeen da eigentlich für verteidigenswert hielten, bleibt vom archäologischen Befund her rätselhaft.

Wenigstens für Sizilien scheint zu gelten: Keine Funde aus der Zeit zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert. Selbst Wiki gibt dies folgendermaßen zu: Bauwerke sind aus der arabischen Zeit keine erhalten geblieben. [58]

An Geschichten dieser Zeit fehlt es indes nicht. Die Insel wurde zweihundert Jahre lang heftigst umkämpft, ehe der normannische Roger I. die Insel auf Dauer wieder zurückzuerobern begann.

Im Jahre 1072 wurde die Hauptstadt Palermo erobert und 1091 fiel endgültig auch die letzte muslimische Festung in Noto im Südwesten der Insel„, doch wo ist sie geblieben die Festung?[60]

Bild Wiki: 1072 – Roger I. von Sizilien nimmt die Schlüssel von Palermo entgegen. Im Hintergrund sind prachtvolle Gebäude zu erkennen, er selbst sitzt hingegen in einem Zelt![59]

Das Emirat von Sizilien soll von 831 bis 1072 Bestand gehabt haben, mehr als 240 Jahre. Zeit genug eigentlich, um sich häuslich einzurichten, da laut Geschichtsschreibung zeitweise die Muslime sogar die Mehrheit der Bevölkerung der Insel stellten. Hatten die abwechselnden Besatzer alle nur Holz für den Bau ihrer Festungen und Moscheen/Kirchen verwendet, oder (was bei den beinahe ununterbrochenen kämpferischen Aktivitäten auf der Insel fast wahrscheinlich ist) hatten die Besatzer nie genug Zeit ein paar ordentliche Festungen hinzustellen, weil sie ständig wieder überfallen wurden? In einem You Tube Beitrag fand ich die elegante Formulierung, dass die Normannen die Gärten so gelassen hätten, „lediglich die Burg des Emirs wurde ersetzt“.

Eine weitere mögliche Erklärung dieses Rätsels liegt in der Praxis der Fälschung und Erfindung von Dokumenten durch die Klöster. In Christus, Kirche, Chronologie wird der These Wilhelm Kammeiers nachgegangen, der mehrere Schriften herausgab, in denen er die These aufstellte, dass Teile der mittelalterlichen Geschichte gefälscht seien.

Die Fälschungklöster

Die Geschichtsschreibung muss sich notgedrungen auf möglichst zeitgenössische Dokumente verlassen. Leider schlichen sich durch die Notwendigkeit der Abschrift und Übersetzung von Texten bei den einzigen des Lesens und Schreibens mächtigen Männern der Kirche gelegentlich Fehler ein. Der Verdacht steht gar im Raum, dass nicht nur einzelne Klöster Texte und Dokumente erfunden, gefälscht und abgeändert haben, sondern dies geradezu bandenmäßig betrieben wurde, auch der Papst scheint sich des Vorteils der Situation bewusst gewesen zu sein.

Liegt die Lösung des Rätsels der fehlenden Funde während drei Jahrhunderten also in der spätestens nach dem 10. Jahrhundert begonnenen gewerbsmäßigen Tradition der Urkundenfälscherei in Klöstern begründet? Gleich zwei diesbezüglichen Studien dienten als Grundlage für die Erstellung eines drei- bis vierstufigen ‘Ranking’ der Produktivität der Fälschungsklöster. Es gingen Plätze an:

  1. St. Marien auf dem Berge zu Altenburg
  2. Weingarten
  3. Reichenau und Osnabrück
  4. St. Matthias zu Trier. [9]

Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte, jedoch mehren sich die Hinweise, dass mittelalterliche Klöster professionelle Fälscherei von Pergamenten in großem Stil praktizierten, obgleich die Diskussion um das tatsächliche Ausmaß der Fälschungen noch nicht abgeschlossen ist.

Die gefälschte Schenkung Konstantins an die Kirche Roms

Die Fälscherei verschaffte der päpstlichen Kirche ordentliche Pfründe, Schenkungen und Einfluss. Boshaft gesagt wundert es nicht, wenn manche Menschen hin und wieder den Verdacht äusserten, dass die Kirche die Menschen absichtlich dumm halten wollte. Wissen ist Macht, aber noch viel mehr ist es die Kunst zu Lesen, wo andere es nicht vermögen, welche Macht verleiht. Dieses Prinzip ist selbstverständlich auch heute noch aktuell, unabhängig vom schwindenden Einfluss der Kirche in neuem, der Zeit angepasstem Gewand.

Der größte bislang bekannt geworden Coup dieser kirchlichen Geschichtsfälschungspolitik ist die konstantinische Schenkung. [60]

Von der Mitte des 11. Jahrhunderts an beriefen sich die Päpste bis zum Spätmittelalter nunmehr regelmäßig auf die Konstantinische Schenkung, sowohl zur Begründung territorialer Forderungen als auch im Konflikt mit den Patriarchen von Konstantinopel. Spätestens im 11. Jahrhundert wurde die Konstantinische Schenkung somit ein fester Bestandteil des Kirchenrechts.

Erst zwei Gelehrte des 15. Jahrhunderts, zuerst 1433 der deutsche Theologe und Philosoph Nikolaus von Kues in De Concordantia Catholica und dann um 1440 der italienische Humanist Lorenzo Valla, wiesen nach, dass die Schenkung eine Fälschung ist. Valla zeigte mit sprachlichen Argumenten, dass das Latein der Urkunde Merkmale zeigt, die die Entstehung im frühen 4. Jahrhundert ausschließen. Außerdem wird in der Urkunde Konstantinopel unter diesem Namen erwähnt, obwohl die Stadt zur angeblichen Ausstellungszeit (315/317) noch Byzantion/Nova Roma

Bild Wiki: Darstellung der Konstantinischen Schenkung auf einem Fresko von 1246, Basilika Santi Quattro Coronati in Rom. Mehrere Jahrhunderte lang verbreitete die Kirche diese Fälschung.

Eines ist mir noch unklar, denn wenn

die Konstantinische Schenkung (lateinisch Constitutum Constantini bzw. Donatio Constantini ad Silvestrem I papam) eine um das Jahr 800 gefälschte Urkunde ist, die angeblich in den Jahren 315/317 vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt wurde und  worin Papst Silvester I. und seinen sämtlichen Nachfolgern eine auf das Geistliche hingeordnete, aber auch politisch wirksame Oberherrschaft über Rom, Italien und die gesamte Westhälfte des Römischen Reichs geschenkt wird [13],

in welchem Jahr genau wurde dann die Urkunde eigentlich gefälscht, wenn oder falls die Jahre 614-911 doch selbst erfunden, d.h. gefälscht sind? [14]

Warum diese Episode so ausführlich beschrieben wird, ohne letztendlich einen Anspruch auf die „richtige“ Geschichtsschreibung zu erheben, wird sich spätestens bei der Untersuchung der Weishaupt´schen Verschwörung zeigen, sollte aber auch so jedem klar sein. Was früher das Lesen und Schreiben war, ist heute Informationsmanagement, Social Engineering, Überwachung und Kontrolle des Finanzsystems. Während meiner weiteren Forschungen zur offiziellen Zeitrechnung und Geschichte kamen zu einem recht vernichtenden, allerdings noch vorläufigem Ergebnis, das in Chronologie – der größte „Irrtum“ aller Zeiten zusammengefasst wird.

Die Radhaniten

Wann die Radhaniten gelebt haben sollen ist also somit erst einmal ein wenig unklar. Jedenfalls waren es jüdische Kaufleute, Rhadaniten genannt, [5] die vom 8. bis ins 11. Jahrhundert die Handelsbeziehungen zwischen den verfeindeten christlichen Ländern des Abendlandes und der islamischen Welt und darüber hinaus bis nach Indien und China gewährleistet haben sollen.

Mit dem Siegeszug des Islam sei bis ins 11. Jahrhundert der Hauptanteil des Fernhandels von jüdischen Kaufleuten übernommen worden.[7] Die Juden befanden sich nämlich in der sich entfaltenden islamischen Welt in einer günstigen Ausgangsposition, zumal der Dschihad nicht gegen die Juden, sondern gegen die Heiden geführt wurde.

[…] Für die Juden habe aber mehr noch als für die Christen gegolten, dass sie sich im 9. Jahrhundert innerhalb einer neuen Weltmacht vereint sahen, „die ihnen eine weit reichende Autonomie gewährte und sie ihr Leben so führen ließ, wie es ihnen gefiel.[8] Im 10. Jahrhundert erlebten zahlreiche jüdische Familien in Al-Andalus im Kalifat von Córdoba unter Abd ar-Rahman III. und seinem Sohn Al-Hakam II. eine Phase von Prosperität.

Die US-amerikanische Historikerin Jane S. Gerber (City University of New York) geht davon aus, dass die Radhaniten eine internationale Handelsfirma mit Sitz wahrscheinlich in Südfrankreich oder in Spanien bildeten. Ihr Handel habe sich über mehrere Kontinente erstreckt und sei durch Filialen unterstützt worden. Sie hätten vier verschiedene Land- und Seerouten benutzt, von denen eine nordwärts durch Europa über Prag, Bulgarien in das Land der Chasaren geführt habe, das ein wichtiger Vorposten für den Handel mit Zentralasien war; zwei seien entlang der Küsten des Mittelmeeres verlaufen und hätten im Irak und im Iran geendet; die vierte sei nach China gegangen (vgl. auch Seidenstraße).

Im Allgemeinen legten die Handelsbeauftragten der Radhaniten nur einen Teil der Strecke zurück, an dessen Ende sie Waren von Kollegen übernahmen, welche die nächste Etappe bereisten.

Ihre Verständigung untereinander erfolgte über das Hebräische als Lingua franca, denn es sei von allen gebildeten Juden gesprochen worden. Um sich vor den Risiken der langen Reisen zu schützen, über die vor allem die Geniza Auskunft geben, und zu viel Geld zu transportieren, hätten sie als frühkapitalistisches Instrument Kreditbriefe (suftadscha) mitgeführt.[9]

Die erste Erwähnung der Radhaniten bei Ibn Chordadbeh, dessen Geburtsdatum aber leider auch irgendwo in den drei Fantomjahrhunderten verortet wird, und der demnach wohl nicht vor dem 10. Jahrhundert gelebt hat, lautet unter der Überschrift „Weg der jüdischen Kaufleute, der so genannten Radhaniten“ folgendermaßen:

„Diese Kaufleute sprechen Persisch, Romanisch (Griechisch und Lateinisch), Arabisch, fränkische Sprachen, Spanisch und Slawisch. Sie reisen vom Okzident in den Orient und vom Orient in den Okzident, bald zu Lande und bald zu Wasser. Aus dem Okzident bringen sie Eunuchen, weibliche Sklaven und Knaben, Seide, Pelztierwaren und Schwerter. Sie schiffen sich im Land der Franken auf dem Mittelmeer ein und steuern Farama an (nahe den Ruinen des alten Pelusium gelegen); dort laden sie ihre Waren auf Lasttiere und begeben sich bei einer Entfernung von 20 farsakhs (Maßeinheit von ungefähr 5,6 km) in fünf Tagesmärschen nach Kolzoum (= Suez). Auf dem östlichen Meer (= Rotes Meer) fahren sie nach El-Djar (Hafen von Medina) und nach Djeddah; dann begeben sie sich nach Sind (= Persien), Indien und China. Auf ihrem Rückweg haben sie Moschus, Aloë, Kampfer, Zimt und andere Produkte aus den orientalischen Gegenden geladen und erreichen Kolzoum, dann Farama, wo sie sich wieder auf dem Mittelmeer einschiffen. Manche setzen die Segel nach Konstantinopel, um dort ihre Waren zu verkaufen; andere begeben sich in das Land der Franken.
Manchmal nehmen die jüdischen Kaufleute auf dem Mittelmeer Kurs auf Antiochia am Orontes. Nach drei Tagesmärschen gelangen sie an die Ufer des Euphrat und kommen nach Bagdad. Dort befahren sie den Tigris bis nach Basra, von wo sie nach Oman segeln, nach Persien, Indien und China. Sie können also ohne Unterbrechung reisen.“[11]

Bild Wiki: Karte von Eurasien mit dem Handelsnetz der Radhaniten, wie es Ibn Chordadbeh beschreibt.

Auf Fantomzeit wird dagegen gehalten …

[…] Chronologisch wirkt der Text nicht allein deshalb fragwürdig, weil er in einer Leere von über dreihundert Jahren einsam steht. Merkwürdiger mutet an, dass ein solcher jüdischer Handel bis nach Indien von niemandem bestritten wird und mit erstklassigen Originalbriefen etwa des Abraham Ben Yiju aus der Kairoer Geniza formidabel belegt ist [Goitein 1987, 449 ff.]. Allerdings findet dieser Handel im 12. Jh. und nicht im 9. Jh. statt [s.a. Goitein 1973; 2001, 416 ff.]. Es spricht wenig dagegen, ihn bereits im 11. Jh. beginnen zu lassen und über diesen Weg auch ein annäherndes Datum für Ibn Chordadbeh zu gewinnen, aber noch weiter zurück kommt man nun einmal nicht. [8]

Die Bedeutung des Sklavenhandels im Mittelalter

Bernard Lewis schreibt über den Handel zwischen Okzident und Orient, dass von den Waren Zentral- und Westeuropas allerdings nur drei die Aufmerksamkeit moslemischer Schriftsteller geweckt hätten, nämlich slawische Sklaven, fränkische Waffen und englische Wolle.[12] Maurice Lombard führt zusätzlich Pelze und Holz vor allem für den Schiffsbau auf.

Die slawischen Sklaven waren, wie aus arabischen Aufzeichnungen hervorgeht, der begehrteste Artikel für die moslemische Sklavenhaltergesellschaft.[13] Bernard Lewis hält fest, dass neben den Juden viele Europäer mit dem Export von Sklaven zu tun gehabt hätten.

Darunter seien Christen gewesen, „Bürger der großen Handelsstädte Italiens und Frankreichs ebenso wie griechische Sklavenhändler, die im östlichen Mittelmeer tätig waren. Eine bedeutende Stellung nahmen die Venezianer ein, die schon im 8. Jahrhundert begannen, den Griechen Konkurrenz zu machen.[14]

Besonders hinzuweisen ist auf die Rolle der Waräger und des Volkes der Rus, die eifrige Sklavenjäger waren und ihre slawischen Gefangenen entweder direkt verkauften oder über italienische Kaufleute oder die Radhaniten nach Spanien, Byzanz, in die moslemischen Länder oder nach Zentralasien weitervermitteln ließen.[15] […]

Für den Umfang des Sklavenhandels mit Al-Andalus stellt Lombard für einen Abschnitt des 10. Jahrhunderts folgende Bilanz auf:

Bild Wiki: Dinar des Fatimiden-Kalifen al-Muizz (969)
„Innerhalb von 50 Jahren, zwischen 912 und 961, steigt ihre Zahl von 3.750 auf 13.750 und vermehrt sich um 10.000 Individuen, worin sich neue Käufe niederschlagen; die männlichen Wesen werden meistens kastriert. (…) Ein Sklave bringt 100 Dinare im Durchschnitt ein, so dass 10.000 Sklaven einen Wert von einer Million Dinar darstellen, was einer Goldmenge von 5.000 kg entspricht; allein für Córdoba sind jährlich 100 kg Gold für den Kauf von Slawen zu veranschlagen.“[…]

Die beiden in Deutschland und Litauen geborenen und in Berlin ausgebildeten US-Historiker Max L. Margolis (1866–1932) und Alexander Marx (1878–1953) veröffentlichten 1927 in Philadelphia „A History of the Jewish People“, die bis 1974 wiederholt aufgelegt wurde. Sie beschreiben die jüdischen Kaufleute, die in Al-Andalus mit der Versorgung der muslimischen Herrscher mit Sklaven beschäftigt waren:

„Man konnte in Seide gekleidete und mit Prachtturbanen ausgestattete reiche Juden sehen, die mit dem Glanz der Muslime rivalisierten, in stattlichen Wagen fuhren oder wie Herren zu Pferd ritten. Ihr Reichtum rührte vor allem aus dem Sklavenhandel. Sie belieferten die Harems mit Bewohnerinnen und Eunuchen, die sie bewachten, und versorgten die Armee mit Nachwuchs. Sie importierten eine große Anzahl von Slawen, die von germanischen Völkern gefangen genommen und an die Sarazenen verkauft worden waren, bei denen sie die Garde des Kalifen und ganze Regimenter bildeten.“[19]

Es gibt viele weitere Belege dafür, dass der Sklavenhandel im Mittelalter ein Bombengeschäft und keineswegs verpönt war, und ein weiterer wirtschaftlicher Grund für die Überfälle auf benachbarte schwächere, vorgeblich heidnische Völker im Mittelalter. Bildeten Juden während des Khaganats die erste internationale Sklavenhändlermafia mit Verbindungen nach Europa und zum Kalifat?

Für die Juden war das Geschäft ab dem 11. Jahrhundert aber ohnehin langsam zu Ende. Neben Konkurrenz von der orientalischen Mafia, waren da auch noch die Venezier und die Griechen, welche das Geschäft an sich rissen. Weitere Erschwernisse hatten sich schon Ende des 10. Jahrhunderts aus dem Zusammenbruch des Reiches der Chasaren ergeben, die von den Kiewer Rus besiegt worden waren. So seien sie „in die Rolle von Ladeninhabern, Geldleihern und Wucherern gedrängt“ worden.[34]

Der russischstämmige französische Historiker Alexandre Skirda stellt fest, dass man sich in der europäischen Nationalgeschichtsschreibung schwer damit tue, das Sklavenhandelserbe anzuerkennen: „Man versteht besser, warum fast alle Historiker und Kommentatoren sich über dieses Phänomen ausschweigen: Es fällt ihnen schwer, anzuerkennen, dass die wirtschaftliche Wiedergeburt des Okzidents zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert über den Handel mit menschlichen Wesen verwirklicht wurde![20]

Da haben wir es wieder, das Phantomzeitalter.

Die Chasaren

Bild Wiki: Reich der Chasaren

Im 7. Jahrhundert nach Chr. gründeten die Chasaren ein unabhängiges Khaganat im nördlichen Kaukasus an der Küste des Kaspischen Meeres. Aufgrund von Kartenmaterial der damaligen Zeit lässt sich erkennen, dass das Khaganat auf der einen Seite zuerst von Byzanz, mit dem nach Möglichkeit Handel betrieben und Militärbündnisse eingegangen wurden, und später von Turkvölkern und Arabern bedrängt wird, auf der nächsten von den von Norden herandrängenden Rus und später von Osten her von den Mongolen.

Ab dem 8. Jahrhundert kommt es zu Problemen mit dem Kalifat. [10] Gleichzeitig, ab dem 8. bis frühen 9. Jahrhundert, wurde die jüdische Religion zur wichtigsten Religion im Reich. Ob nur eine dünne Oberschicht oder auch die übrige Bevölkerung die neue Religion annahm und praktizierte, ist umstritten. Überliefert ist, dass es auch Christen und Muslime unter den Chasaren gab. Die Chasaren waren wichtige Bundesgenossen des Byzantinischen Reichs gegen das Sassanidenreich [das zweite persische Großreich des Altertums], und die arabischen Kalifate.

Vor allem durch Fernhandel wurden sie eine bedeutende Regionalmacht und kontrollierten in der Blüte ihrer Machtentfaltung weite Teile des heutigen Südrusslands, den Westen des späteren Kasachstans, die Ostukraine, Teile des Kaukasus sowie die Halbinsel Krim. Ihre Macht wurde Ende des 10. Jahrhunderts von der Kiewer Rus gebrochen, und die Chasaren verschwanden weitgehend aus der Geschichte. Auffassungen, nach denen ein großer Teil der Chasaren im osteuropäischen Judentum aufgegangen sei, sind umstritten.[2]

Warum der Streit um den Verbleib der Khazaren noch von Bedeutung sein wird, wird sich zu einem späteren Zeitpunkt erklären. Erstaunlicherweise scheinen sie entweder nicht besonders zahlreich gewesen zu sein, oder sie haben sich irgendwie in Luft aufgelöst. Gegen den ersten Punkt spricht, dass sie es erfolgreich verstanden, sich  milititärisch gegen die verschiedensten Gegner mehrere Jahrhunderte lang zu verteidigen.

Gesichert scheint zu sein, dass wenigstens ein gewisser Anteil der khazarischen Juden spätestens den Horden der Mongolen wich und sich gen Westen in Richtung Ungarn und Europa wandte, zumal es ja die oben erwähnten guten Handelsbeziehungen zwischen Rhadaniten, die oft im Rhone-Tal und in Marseille siedelten, und Khazaren gab. Umgekehrt war Khagastan vor seinem Zerfall Anfang des 11. Jahrhunderts in Zeiten der Verfolgung in jedem Fall ein guter Aufenthaltsort für Juden.

Juden in Osteuropa und Russland

Polen
Die ältesten und bedeutendsten Quellen jüdischer Siedlungen in Polen, stammen aus dem 9. Jahrhundert und dann vor allem aus dem 10. und 11. Jahrhundert. Der später verstärkte Zustrom der Juden nach Polen, war hauptsächlich bedingt durch die Verfolgungen in Westeuropa. Die ersten Zuwanderer kamen aus Deutschland während der Zeit der Kreuzzüge, andere wurden aus dem katholischen Prag und dem katholischen Österreich vertrieben. [22]

An diesem Punkt sollte der polnische Historiker Adam Vetulani zitiert werden:

„Polnische Gelehrte stimmen überein, dass diese ältesten Siedlungen von jüdischen Emigranten aus dem Khasarenstaat und aus Rußland gegründet wurden, während die Juden aus Süd- und Westeuropa erst später sich anzusiedeln begannen … und dass zumindest ein gewisser Teil der jüdischen Bevölkerung (in früheren Zeiten der Hauptteil) aus dem Osten stammte, aus dem Land der Khasaren und später aus Kiew-Rußland.“ [23]

Die Christianisierung der Rus

In den Jahren 980 – 990 sollen gleich mehrere Stämme zum Übertritt zum Christentum bewegt worden sein. Erst die Bulgaren, denen sich dann kurz darauf die Kiewer Rus anschlossen, eine slawische Volksgruppe. Von Kiev sandte 986 Vladimir I. Abgesandte in die angrenzenden Nationen, um deren Religionen zu studieren. Z.B. berichtete der Gesandte bei den muslimischen Bulgaren, die sich gerade von der Herrschaft der Khazaren bis zum 10. Jahrhundert unabhängig gemacht hatten, dass bei diesen „keine Freude herrsche und großer Gestank“. Des weiteren ist er der Meinung, dass der Islam als Religion nicht wünschenswert wäre, wegen des Verbots des Verzehrs von alkoholischen Getränken und Schweinefleisch. Vladimir soll dazu gesagt haben „Trinken ist die Freude aller Russen. Wir können ohne diese Freude nicht leben.“

Vladimir soll sich laut der Anekdote auch mit jüdischen Abgesandten getroffen haben, um sie zu ihrer Religion zu befragen, doch sah er im Verlust Jerusalems ein Zeichen dafür, dass die Juden von ihrem Gott verlassen worden waren, was mithin nicht zugunsten dieser Religion sprach. Schließlich kehrten Abgesandte schwer beeindruckt von der Hagia Sophia in  Byzanz zurück und das gab den Ausschlag zur Christianisierung des Volkes der Rus, auch wenn es noch ein Weilchen dauerte, bis sich die neue Religion gegen das Heidentum durchzusetzen begann. Daraufhin brachen schwere Zeiten für die Juden an.

Juden in Kiew

Etwa um 1040 lebten in Kiew eine große Anzahl Juden und jener sogenannten jüdischen Chazaren, die in dieser Stadt sogar ein eigenes Viertel bewohnten, wohin sie, nach der Vernichtung ihres Reiches, (um 1016) geflohen waren.

Die Juden genossen hier weitgehende Freiheiten -von denen sie auch reichlich Gebrauch machten. Daher galt Kiew über längere Zeit hinweg gar als ‚Jerusalem des Ostens‘. Es wurde zweimal erobert – einmal durch Tataren im Jahre 1240, und 1340 durch den Prinz GEDIMIN von Litauen.

Inzwischen wuchs die Feindschaft der byzantinischen Geistlichkeit enorm. So fand eines der ersten Pogrome – es war im Zuge der Erhebung WLADIMIRS (der Monomach; 1113-1125) – gerade in Kiew statt. Es kam zu Plünderungen jüdischer Häuser und schließlich erfolgte auch noch die Ausweisung der Juden aus der Stadt. [27]

Tschecheslowakei
Erste jüdische Siedlungen sind für Mähren im 9. und für Böhmen im 10. Jahrhundert nachweisbar; bald darauf auch in Prag, wo sich Juden aus Deutschland, aus Ungarn, aus dem österreichischen Kernland sowie aus dem Byzantinischen Reich, niederließen.

Ibrahim ibn Jakuv, ein jüdischer Arzt aus Tortosa, der etwa um das Jahr 966 eine Reise nach Mitteleuropa unternahm, schrieb in seinem Bericht an den Kalifen von Cordoba, nach dem er 970 in Prag weilte:

“Die Stadt Fraga ist aus Stein und Kalk erbaut und ist, was den Handel anbelangt, die größte der Städte. Hierher kommen aus der Königstadt Russen und Slawen mit ihren Waren; und aus der Gegend der Türken Muselmänner, Juden und Türken ebenfalls mit Waren und Handelsmünzen.“

Diese Angabe ist natürlich nicht exakt, aber zumindest eines der ältesten Zeugnisse von Juden in Prag.

Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern kamen die allerersten Juden mit den Römern nach Europa. Sie ließen sich später in Vindobona nieder und kamen von hier aus als Warenhändler über Preßburg nach Böhmen und Mähren.

Aus einer alten Sage geht hervor, daß bereits die Fürstin Libuscha prophezeit haben solle, daß unter der Regentschaft ihres Enkels ein fremdes Volk sich in Böhmen niederlassen würde, daß – falls es wohlwollend aufgenommen werde – ihrem Land und Volk eine glückliche Zukunft beschere. Und darum – so die Erzählung –

wurden die ersten Juden, die im Jahre 860, der Regentschaft von Hostivits, ins Land kamen in der Tat wohlwollend aufgenommen. [24]

Rheinland

Während des Bauernkreuzzuges, der im Vorfeld des Ersten Kreuzzugs der Ritter stattfand, wurden im Frühjahr 1096 die im Rheinland ansässigen Juden von Kreuzfahrern angegriffen. Dabei kam es zu den ersten organisierten Judenpogromen des Abendlandes.[1]

Das Ende des böhmischen Friedens

200 Jahre später werden die Juden mehr und mehr Repressalien ausgesetzt, die schließlich wieder in Progromen enden. Diese standen zwar unter dem Schutz der meisten Könige, doch nahm der Druck der Kirche stetig zu.

Die größte Tragödie, die bisher auf die böhmischen Juden niederprasselte, war der Pogrom zu Prag während der Ostertage des Jahres 1389. Den Vorwand zu dieser Abscheulichkeit bildete ein Gerücht, daß ein Priester, der das Ghetto passierte, angeblich von den Juden ausgelacht und sogar gesteinigt worden sein sollte. Ein hysterisch aufgebrachter Mob drang in das Ghetto ein, zerstörte zahlreiche jüdische Häuser und brannte diese nieder; – und schlimmer noch, bei diesem Morden und Schänden kamen 3.ooo Juden zu Tode!

[…] Im Jahre 1541 beschloß der böhmische Landtag alle Juden zu vertreiben, von denen lediglich 15 Familien, die wohlhabenden versteht sich, in Prag verbleiben durften; die aber für dieses Recht kräftig zu zahlen hatten. Verleumder beschuldigten die Juden, daß sie heimlich Schätze außer Landes brächten und daß sie im Krieg gegen die Türken als deren Spione sich betätigen würden.

Zwei Jahre später, also 1543, erfolgte eine Massenflucht der Juden, – vor allem in Richtung Polen, wo sie wohlwollend vom König Sigesmund aufgenommen wurden. Die Ausweisung der böhmischen Juden wurde durch ein allgemeines Geleit (Schutz) im Jahre 1543 widerrufen und ermöglichte eine erneute Rückkehr.

So verblieb Prag, für ganz Böhmen, als einzige Judengemeinde übrig, wo aber die Juden, auf Grund einer Verordnung Ferdinands I., vom 17. November 1551, auf der linken Brustseite der Oberbekleidung einen gelben runden Stoff zu tragen haben. Knappe 400 Jahre später sollte ein anderer Österreicher, Hitler nämlich, genau den gleichen Befehl erteilen, um die Juden mit einem gelben “Magen David“ öffentlich zu diffamieren.

Bei diesen antijüdischen Gesetzen – auch wenn sie von katholischen Fürsten erteilt wurden – darf man nicht vergessen, daß im Hintergrund bereits Martin LUTHER (1483-1546) mit seinen antijüdischen Schriften große Wirkungen erzielte, ja den Katholiken teilweise sogar vorwarf “mit Juden gemeinsame Sach zu treiben“.

Anno 1576 bestieg Rudolf II (1552-1612) den Thron, hielt sich im Gegensatz zu seinen Vorgängern (außer Karl IV.) fast nur in Prag auf und machte aus “seiner“ Kaiserstadt eine Zufluchtsstätte und europäisches Zentrum für Künstler und Wissenschaftler. Von da ab besserte sich auch die Lage der Juden wieder für eine Zeit lang. [25]

1066 Das Massaker von Granada

Juden konnten zwar auch im Kalifat und in Spanien keine öffentlichen Ämter einnehmen, doch es gab Ausnahmen.

Am 30. Dezember 1066 stürmte eine Menschenmenge den Königspalast, kreuzigte den jüdischen Wesir Joseph ibn Naghrela, Sohn von Schmuel ha-Nagid, und massakrierte den Großteil der jüdischen Bevölkerung der Stadt. Mehr als 1.500 jüdische Familien, rund 4.000 Personen, wurden ermordet.[1]

Der Rabbi Abraham ibn Daud (1110–1180) schrieb in seinem Geschichtswerk Sefer ha-Kabbalah[2] über Joseph, dass er hochmütig wurde bis zu seiner Vernichtung; die Adligen der Berber wurden zunehmend eifersüchtig, bis er schließlich ermordet wurde. [26]

Die Ritualmordlegende

Wikipedia schreibt dazu: Die christliche Ritualmordlegende, wonach Juden angeblich das Blut von Christenkindern für ihre Matzen beim Pessachfest und zu verschiedenen magischen oder medizinischen Zwecken benötigten, kam 1144 im englischen Norwich erstmals auf. Die antijudaistische Legende gelangte von England über Spanien und Frankreich in den deutschsprachigen Raum (13. Jahrhundert). Ritualmordvorwürfe betrafen Juden erstmals 1234/1235 in Lauda und Fulda. Parallel kam der Vorwurf des Hostienfrevels auf. Rintfleisch zerstörte deshalb 1298 über 140 Gemeinden im mittel- und süddeutschen Sprachraum. 1336–1339 zogen die Armlederbanden durch Franken und das Elsass und töteten 5000 Juden. In Colmar wurden alle umgebracht. Aus dem deutschsprachigen Raum wanderte die Ritualmordlegende nach Italien, wo nach einem Folterprozess 1475 wegen des angeblichen Ritualmordes an Simon von Trient 14 der inhaftierten Juden hingerichtet wurden und mehrere infolge der Haftbedingungen und der Folter starben. Einige weitere Ritualmordlegenden und Opferkulte wurden infolge dieses Falls geschaffen. Die Verleumdung wanderte weiter nach Polen (der mit dem Statut von Kalisch begegnet wurde), wo von 1500 bis 1800 mindestens 89 Ritualmordanklagen und -prozesse ermittelt wurden, in deren Folge es geschätzte 200 bis 300 Hinrichtungen gab. Es folgte Litauen (15. Jahrhundert), wo sie sich schließlich nach Russland (18. Jahrhundert), in das Osmanische Reich (19. Jahrhundert) mit der Damaskusaffäre und nach Griechenland mit der Rhodiensen Ritualmordlegende verbreitete. Sie überdauerte das Zeitalter der Aufklärung und erlebte parallel zum Antisemitismus von 1800 bis 1914 in Mittel- und Osteuropa einen neuen Aufschwung. Entsprechende Anklagen endeten meist in Massakern für die so Beschuldigten, ihre Angehörigen und Gemeinden. [6]

Moses Mendelsohn

Ein jüdischer Gelehrter namens Moses Mendelsohn (1162-1227) erdachte die Integration von Juden in die Mehrheit der Bevölkerung auf den Gebieten von Deutschland, um die Jahrhunderte alten Spannungen abzubauen. Mendelsohn genoss Einfluss auch unter den Nichtjuden, was zu seinem Vorteil war. Beispielsweise sollten die Juden die deutsche Sprache erlernen. Er übersetzte zum erreichen dieser Ziele die ersten 5 Bücher Moses, die gleichermaßen im Christentum, wie auch im Judentum anerkannt sind, ins Hochdeutsche, was für ihn als ein erster Schritt in Richtung „Verwestlichung“ des Judentums galt. [21]

Die Assassinen

Während die Juden in Europa und Asien zunehmend unter Druck gerieten und Progromen ausgesetzt wurden, meuchelte sich in Persien und Syrien eine ganz spezielle Gruppe ihren Weg in die Geschichte. Der Beitrag der auch als Assassinen bekannt gewordenen Sekte bestand in der Erfindung des Selbstmordattentäters.

Hassan-e-Sabbah (ca. 1034-1124), oder der „Alte vom Berg“ wie er auch genannt wurde, war Anhänger einer Sekte, die im Gegensatz zur persischen Schia, nur 7 statt deren 12 Imame anerkennen, die Ismailiten.

Die von anderen Muslimen nicht anerkannten Ismailiten arbeiteten im Verborgenen und sahen neben der wörtlichen Botschaft des Korans eine tiefere, verborgene Botschaft, die durch Gelehrte den einfachen Menschen offenbart werden sollte. So entstand gerade in den Anfängen der Glaubensgemeinschaft eine scholastische Verbindung von griechischer Philosophie und islamischer Mystik (Sufismus).

Aufgrund eines Thronfolgestreits unter den regierenden Fatimiden, bei denen er auf das falsche Pferd gesetzt hatte, musste Hassan-e-Sabbah fliehen und gründete zusammen mit den radikaleren Anhängern des unterlegenen Nizars die Nizari-Ismailiten (Nizariten), welche bald auch Assassinen genannt wurden. [Wikipedia]

Hassan-e-Sabbah hatte im ausgehenden 11. Jahrhundert begonnen, seine Lehre zu missionieren, gewann bald etliche Anhänger und ein eigenes durch Burgfesten gesichteres Territorium und zog so den Zorn der Seldschuken auf sich, die 1040 – 1194 große Teile des Iraks, Persiens, Syriens und der Türkei beherrschten. 1090 kehrte er nach Persien zurück und besetzte dort das „Adlernest“ Alamut bei Kaswin.

Bild Wiki: Reiche der Groß-, Rum- und Kerman-Seldschuken. Die hellere Färbung zeigt das Reich der Karachaniden. Die Jahreszahlen zeigen die Schlachten von Dandanqan (1040) und Manzikert (1071)

1092 setzten die Seldschuken eine erste Militärexpedition gegen die Ismailiten in Bewegung. Aus diesem Jahr ist der erste politische Mord durch die Ismailiten überliefert. Ein Fida’i (Geweihter, wörtl. „Opfergänger“) erdolchte am 17. Oktober den seldschukischen Wesir Nizam al-Mulk.

Gehirnwäsche für die Attentäter

Wie die Ausbildung zum Selbstmordattentäter bewerkstelligt wurde, beschreibt z.B. Wendeling von Winckelstein in seinem Buch „Odyssee des Aristoteles“,  Wendelin von Winckelstein, 2005.

Bild Wiki: Alamut, das Adlernest der Assassinen-Gilde. Die Festung war ab 1090 für 166 Jahre der Hauptsitz der persischen Nizariten, einer ismailitischen Gruppierung. Der Einflussbereich Hasan-i Sabbahs und seiner Nachfolger wurde später durch weitere Festungen (wie die von Lamasar) zu einem Netzwerk ausgebaut. Diese Burgen (dar al-hidschra genannt) dienten den Ismailiten in ganz Persien und Syrien als Zuflucht bei Verfolgungen oder Konflikten. [14]

In Koranschulen auf den Islam eingeschworen, dann verschiedenen „Fastenkuren“ unterworfen, und mittels Schlafentzug („Schlaffasten“) und Isolation zu einem willenlosen Werkzeugen abgerichtet, durfte er schliesslich, nach dem Genuss eines berauschenden Getränkes, in den Paradiesgarten einkehren. Dieser sollte ihm ein Vorgeschmack auf das ihm, nach vollbrachter Tat, bevorstehende Paradies geben. Der Garten wurde von Eunuchen bewacht, die ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen hatten. Für sexuelle Gelüste standen blutjunge, bildhübsche „Huris“ zur Verfügung, denen allerdings, damit sie nicht zuviel redeten, die Stimmbänder durchtrennt waren.

[…] Der Trank, der verabreicht wurde bestand vielmehr aus Bilsenkraut, Tollkirsche, Wasserschierling, schwarzer Krallenwurz, Schlangengift und Haschisch und nannte sich „Kimija as-Sa’ada“ („Elixier der Glückseligkeit“). Die Rezeptur findet sich im „Kitab as-Saidana“, dem Drogenbuch der Himyari’s, von denen der Alte abstammte.

Da der Paradiesgarten zum grössten Teil aus Kulisse bestand, und bei genauerer Betrachtung vielleicht etwas desillusionierend wirkte, durfte er von den Fidawis nur nachts und unter dem Einfluss dieses Tranks betreten werden. Hatte der „Alte“ beschlossen jemanden umzubringen, drückte er dem Fidawi einen goldenen Dolch in die Hand, worauf dieser, geleitet von einem ausgeklügelten Spitzel System, an sein Opfer geführt wurde. Nach vollbrachter Tat sollte er sich selber umbringen lassen, um direkt ins Paradies einzufahren. […] Sinnigerweise war das Symbol der Assassinen eine Biene (sticht zu und stirbt, das Bienensymbol geht auf den nusairischen Emir Ha-Nahel zurück, der sich „Prinz der Bienen“ nannte.)

Bild Wiki: Burg Masyaf, eine weitere von den Assasinen beherrschte Burganlage.

Seinen Dolch bekamen alle zu spüren, die sich ihm entgegenstellten und Tributzahlungen verweigerten. Als erster war 1092 Nizzam ul-Mulk, sein ehemaliger Schulfreund, der es bei dem Seldjuken-Sultan zum Wesir gebracht hatte, an der Reihe. Ebenso traf es den Abbassiden-Khalif Mustarshid. Auf den Fürst von Mossul, Aksonkor Bursuki, schwer bewacht von seiner Leibwache, stürzten sich gleich 8 Fidawis. Als dem Seldjukken- Sultan Sandjar, dem schon der Grosswesir durch einen Fidawi abhanden gekommen war, eines Nachts ein Messer im Kopfkissen steckte, lagen ihm, während er am nächsten Tag einen aufmunternden Brief des „Alten“ las, in dem dieser ihm versicherte, dass, wäre er ihm nicht so wohlgesonnen, ihm das Messer längst in der Kehle stäke, die Nerven endgültig bloss. Entnervt schloss der Sultan mit dem Assassinen einen Vertrag. [HeiHal,205]

Niemand war mehr sicher. Mit der Ermordung von Raimund II. von Tripolis (1152), gingen sie erstmals auch auf Gegenkurs zu den Templern.  [Nachdem es auch zu gegenseitigen Initiierungen und Abkommen zwischen Assassinen und Templern gekommen sein soll, siehe Kap. Templer.]

Es konnte alle treffen: Khalifen, Wesire, Richter, Theologen auch Christen, so etwa den Wittelsbacher, Ludwig I. „der Kehlheimer“, der, von einem, von den Templern zu den Assassinen konvertierten Fidawi, am 15.9.1231 ermordet wurde.

Hassan-e-Sabbah starb 1124 auf seiner Burg, die er seit seiner Ankunft nicht mehr verlassen hatte. Er soll im Besitz einer riesigen, ca. 200.000 Bände umfassende Bibliothek gewesen sein, die er wohl von den Fatimiden in Ägypten hatte mitgehen lassen. [6]

Hulagu, geb. um 1217; † 8. Februar 1265, ein Enkel der Dschingis Khans rückte, bevor er die Abbassiden stürzte, noch auf die Burgen der Assassinen vor, nachdem die vorangegangenen Verhandlungen gescheitert waren und vernichtete diese.

Christen blieben bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts weitgehend verschont, bis auf Raimund II., Graf von Tripolis, sowie Konrad von Montferrat, König von Jerusalem, der möglicherweise auf Veranlassung von Richard Löwenherz ermordet wurde.

Die Kabbalah und das Dunkle Zeitalter Europas

Wie man sieht, war auch im Reich der Sultane und Kalifen von Bagdad nicht alles gut, aber für den nicht vom Muselmanen beherrschten Rest von Europa war das 9. Jahrhundert ein noch dunklerer Abschnitt unserer Geschichte.

Als Abu Aharon ben Samuel ha Nasi sich im 9. Jahrhundert aus dem florierenden Bagdad nach Italien begab, herrschte rings um ihn herum also Krieg und Chaos. Warum er die Reise unternahm ist nicht bekannt, aber mit sich brachte er die „Praktische Kabbalah“, auch bekannt als Magisches Wissen. In anderen Kreisen wird sie Merkabah Tradition genannt, die wahrhafte jüdische Gotteserkenntnis.

Das System, das Aaron von Baghdad mit nach Italien brachte, war über die vorangegangenen sechs oder sieben Jahrhunderte in Syrien und Babylonien entwickelt worden, z.B. in den Schulen von Tanaim und anderswo. Aaron landete in Kalabrien und reiste weiter in die Toskana, wo er in Lucca die Familie Kalonymide traf, die er in seine Lehren einweihte.

Von dort findet die Lehre ihren Weg nach Südfrankreich und Spanien, wird aber auch z.B. von Eleazar von Worms weiterentwickelt. [Eleasar ben Juda ben Kalonymos (Eleazar ben Jehuda meWorms; * um 1176 in Mainz (unsicher); gest. 1238 in Worms) war ein deutscher Rabbiner, Autor und Kabbalist.][3]

Besonders Südfrankreich wurde ein Ausgangspunkt der Weiterentwicklung der Lehre. Dort gab es eine Schule, die von Rabad, Rabbi Abraham ben David von Posquieres (1125 – 1198), von Isaac dem Blinden von Posquieres, und von ihren Nachfolgern geleitet wurde. Schüler kamen aus dem gesamten europäischen, slawischen und nordafrikanischen Raum. Die ‚Iyyun‘ Schule entstand. Die weisen Männer dieser Tradition wurden Maskilim oder Illuminati genannt.

Von Frankreich aus verbreitet sich die Lehre weiter nach Spanien aus und wird von Juden wie Hasdai Crescas, Josef Gikatilla, Abulafia, Moses de Leon (1250-1305), Moses Cordovero, usw. weiterentwickelt bis schließlich der Zohar entstand, eine Reihe von Kommentaren für Eingeweihte. Moses de Leon soll einer der wichtigsten Autoren des Zohar gewesen sein.

Der Fall Bagdads

In dieser Zeit wird Bagdad von Hulagu, einem Nachfolger Dschingis Khans erobert. Von Winckelstein beschreibt das folgendermaßen.

Zunächst umzingelte er die damals mehr als 1 Millionen Einwohner umfassende Stadt und liess anschliessend sämtliche darin befindlichen Bewohner samt aller Tiere massakrieren. Von der Stadt blieb nur noch ein rauchender Trümmerhaufen übrig. Und natürlich wurden auch sämtliche Bücher zerstört. Desweiteren liess er sämtlich Dämme fluten, um auch die Landbevölkerung zu ertränken.
Die blühende arabische Kultur fiel, ebenso wie die Persische, wo von den Mongolen ebenfalls sämtliche Bibliotheken zerstört waren, in einen fundamental-religiösen Zustand zurück. Hierbei spielen allerdings auch die theologischen Schriften Al-Ghazali’s (s.u.) eine Rolle, mit denen sich das arabisch-islamische Denken wieder von dem griechisch-rationalen Ansatz löste. [Die Odyssee des Aristoteles, Wendeling von Winckelstein]

Die Rückeroberung der spanischen Gebiete beginnt

Bild Wiki: Castillo de Almodóvar del Río – im 8. Jahrhundert von Arabern aus strategischen Gründen errichtet und im 12. Jahrhundert vollendet. Durch ihre Lage auf einer Anhöhe kontrollierte sie einen wesentlichen Abschnitt des Guadalquivir. Genau deshalb stellte sie für die christlichen Truppen der Reconquista im 13. Jahrhundert auch ein wichtiges Ziel dar. Und 1362 ließ Peter I. von Kastilien, genannt der Grausame, die Burg restaurieren. Dabei respektierte er die Anlage der Festung; denn obwohl der Herrscher gegen das Königreich der Nasriden kämpfte – das letzte Refugium der Araber in Andalusien – bewunderte er die arabische Poesie, Kunst und Wissenschaft außerordentlich. So christlich er auch war, er ließ sich „Sultan“ nennen und „arabisierte“ seinen Palast in Sevilla, den Alcázar: künstliche Inschriften aus pseudoarabischen Buchstaben und ein geometrischer Dekor, den er von Künstlern der Alhambra in Granada anfertigen ließ, welche ihm die nasridischen Herrscher „leihweise“ zur Verfügung stellten. [10]

Das Kalifat befand sich bereits geraume Zeit auf dem Rückzug. 1085 fiel der Reconquista (Rückeroberung) unter Alfons VI. Toledo in die Hände, in Kastilien folgte eine relativ lang anhaltende Periode der Toleranz und Bildung. Doch noch 1431 traf das kastilische Heer unter der Führung des Condestablen Álvaro de Luna auf das granadinische. […] Der in der Folge als Marionette Kastiliens installierte Emir Yusuf IV. fand im Emirat von Granada allerdings keine Unterstützung und konnte sich nur wenige Monate an der Macht halten. Die Episode ist bezeichnend für den inneren Zustand des Nasridenreiches, das im 15. Jahrhundert unter internen Machtkämpfen litt und so schließlich dem Untergang preisgegeben war. [60]

Bild: Wiki – Eine Darstellung aus späterer Zeit, die jüdische Soldaten zeigt, welche auf Seiten der Truppen von Muhammad IX., dem nasridischen Emir von Granada, in der Schlacht von La Higueruela gegen Johann II. (Kastilien) im Jahr 1431 kämpfen.

Die Alchemie findet über ein anonymes Werk, die „Turba Philosophorum“, ihren Weg ins Abendland. Andere alchemistische Werke werden verbreitet. Abu Musa Djabir ibn Hayyan, genannt „Geber“ (721- 815), und sein Hauptwerk, „Summa Perfectionis“, gilt als der grösste Alchemist nach Hermes Trismegistos.

Die Entstehung der Gralslegende

Im Gralsmythos laufen verschiedene Traditionen zusammen. Es handelt sich um eine Mischung aus keltischen, christlichen und orientalischen Sagen und Mythen. Im hochmittelalterlichen Gralsmythos vermischen sich Anliegen des Christentums und des Feudaladels sowie Versatzstücke der christlichen Liturgie (Kelch) und des Reliquienkultes (Heilige Lanze) mit den archetypischen Bildern und mündlichen Überlieferungen keltischer und orientalischer Herkunft. [61]

Chretien de Troyes nahm die Grals-, Troubadour- und Minnesang-Dichtung wieder auf. Diese Muslim-Dichtung nahm über die Provence ihren Weg nach Europa. Hier ist eine der  Quellen für die Grals- und Artussagen zu finden. Zwischen 11741190 schrieben Chretien de Troyes und Robert de Boron ihre Grals-Epen. 12001210 folgte Wolfram von Eschenbach mit dem „Parzival“.

Ein um 1200 v. Chr. geborener persischer Jude und Astronom namens „Flegetanis“ soll der ursprüngliche Autor dieses Manuskriptes gewesen sein.

Bild: Wiki – Der Gral wird von Repanse de Schoye auf einem Tuch präsentiert, Bildausschnitt aus einer Parzival-Handschrift des 13. Jahrhunderts.

Der Gral ist möglicherweise ein wirklicher Stein, ein Kelch oder ein anderes Objekt, andererseits kann der „Stein der Weisen“ auch symbolische Bedeutung haben und mit spiritueller Weiterentwicklung gedeutet werden. Auch die jüdische Bundeslade, das Elixier des Lebens oder der Kelch Jesu beim Abendmahl werden hoch gehandelt. Oft wird behauptet, dass die Templer eine Zeit lang im Besitz des heiligen Grals gewesen seien. Das Wort Gral soll nach einigen neueren Interpretationen von sangreal abstammen und auf das Blut (also die Blutlinie) Jesu hinweisen, die möglicherweise in Gestalt eines Töchterleins, jedenfalls eines Kindes, mit Maria Magdalena weiterbestand und Zuflucht in Südfrankreich gefunden haben soll

Das römische Zivilrecht

Ende des 11. Jahrhunderts tauchten in Bologna Texte des alten römischen Zivilrechts auf. Diese waren Teil des unter Justinian zum Codex Justinianum zusammengefassten römischen Rechts. Der zivilrechtliche Teil desselben wurde in einer von den sog. Digesten kommentierten Fassung unter dem Name „Corpus juris civilis“ zusammengefasst. […] Über die Glossatorenschule des Imerius in Bologna verbreitete sich das „Corpus juris“ nun über ganz Europa, und wurde später Vorbild z. B. für den „Code Civil“ in Frankreich und die Bürgerlichen Gesetzbücher in den deutschsprachigen Ländern. [von Winckelstein]

Über diese Gesetzbücher wurde der Weg für einen Mindeststandard geebnet, der den Menschen als Recht zugebilligt wurde und welcher seit dem Zerfall des römischen Reiches in Vergessenheit geraten war.

Die Entdeckung des Aristotelismus

Unter Friedrich II. (1194-1250) wurde im Sommer 1224  die Universität von Neapel gegründet. Es war die erste von einem Kaiser gegründete und von kirchlichem Einfluss unabhängige Universität in Europa. Wegen der Reorganisation seines Königreiches Sizilien verschob Friedrich II. den 1223 zugesagten Kreuzzug, weswegen er von Papst Gregor IX. exkommuniziert wurde.

Friedrich brach, mit einer Streitmacht von 1000 Rittern und 10.000 Streitern zu Fuss, dann doch noch mit Verspätung auf, jedoch schloss er am 11. Februar 1229 mit dem Sultan einen Friedensvertrag, der auch die Rückgabe der heiligen Stätten vorsah. Allerdings blieb mit der Al-Aqsa-Moschee die Gründungsstätte des Templerordens bei den Arabern. Ein zehnjähriger Waffenstillstand wurde geschlossen.

Friedrich verbannte zwar die Sarazenen von Sizilien, indem er sie 800 km weit weg ins apulische Lucera deportierte, wo sie ungestört ihre Religion ausüben konnten. Friedrich gestand ihnen das Recht zur Religionsausübung, eine eigene Rechtsprechung und Selbstverwaltung zu. Die Muslime arrangierten sich mit der Situation, wurden treue Anhänger des Kaisers und dienten ihm als Soldaten und Hofpersonal.

Der Hof war nicht nur politischer, sondern auch kultureller Anlaufpunkt. Am Hof Friedrichs sammelten sich christliche, muslimische und jüdische Gelehrte. Aus diesen Gründen wurde sein Hof in der Mediävistik als „Drehscheibe des Kulturtransfers“ bezeichnet.[99] Dementsprechend, und nicht weiter verwunderlich, wurde Friedrich II. von der Kirche kritisiert, angefeindet, exkommuniziert und als Häretiker bezeichnet.

Bereits 1169 verfasste Averroes (arab.: Ibn Rushd), der bedeutendste arabische Aristoteliker neben seinen medizinischen, psychologischen und theologischen Schriften auch einen werkgetreuen Aristoteles-Kommentar, woraufhin sich Aristoteles in der Averroes-Kommentierung dank des 10-jährigen Waffenstillstandes über ganz Europa ausbreitete.

Mit dem Auftauchen der aristotelischen Logik kam es zu einer Revolution des Denkens in Europa. Zirkel, in denen diese Logik gelehrt wurde, entstanden und führten später zum „Studium Generale“. Aus diesen Zirkeln gingen Studenten hervor, die sich „Artisten nannten“, welche sich wiederum mit Philosophie und den modernen Naturwissenschaften zu beschäftigen begannen. Hierunter fielen alle Fächer, die man nicht an den klassischen Fakultäten studieren konnte, also Theologie, kanonisches Recht und Medizin.

Albert Magnus / Thomas von Aquin

Bild:Wiki – Tafelgemälde von Joos van Wassenhove auch Justus van Gent, um 1475 in Urbino

Der große Albert (um 1200-1280) war ein Kind dieser Zeit und Philosoph, Naturwissenschaftler und vieles mehr. Die wichtigste Folge seiner Arbeit ist die Begründung der christlichen Aristotelik, damit der Hochscholastik und letztlich der modernen Naturwissenschaft. Bis zu Albertus‘ Wirken waren die Werke von Aristoteles in der christlichen Welt wegen ihres heidnischen Ursprungs umstritten. Albert Magnus erhielt den Titel „Kirchenlehrer“ und „Doctor Universalis“ kannte sich aber auch gut in der Alchemie aus. Seiner Meinung nach war die Alchemie diejenige der Künste, die der Natur am Nächsten kommt.

Einer seiner berühmtesten Schüler war Thomas von Aquin (1225-1274). Von 1239-1242 studierte er im Studium Generale der Universität Neapel. An der Universität Paris studierte er von 1245 bis 1248 bei Albertus Magnus, dem er dann nach Köln folgte.

Wieder überlasse ich das Wort von Winckelstein.

In seiner „Summa Theologica“ wies er jetzt mit aristotelischen Mitteln den Primat des Christentums nach. Das hatte auf arabischer Seite schon Algazel (arab: Al-Ghazali) mit seiner Schrift „Destructio philosophorum“ versucht, nur dass er mittels der Logik den Primat des Islam nachzuweisen suchte, was wiederum Averroes zu der Entgegnung „Destructio destructionis“ veranlasste. Die Schrift des Algazel bewirkte im islamischen Raum wohl auch eine bis heute bestehende Abneigung gegenüber der kritisch-rationalistischen Philosophie und einer Abwendung von den Naturwissenschaften zur islamischen Theologie.
Auch Maimonides (Jüd.: Moses ben Maimon, „Rambam“, 1135-1204), der bedeutendste jüdische Aristoteliker, errichtet mit Hilfe der aristotelischen Logik ein jüdisches Dogmengebäude („Mishne Tora“ 1180, „More Nebuchim“, lat.: „Dux Neutrorum“, 1190). Seine Schriften wurden zunächst ins Hebräische übersetzt und gelangten dann über Palermo nach Europa.

Der über arabische Quellen wieder in Europa eingeführte Aristotelismus brachte ein neues Element in die bisherige Dualität der beiden um die Weltherrschaft ringenden Religionen Islam und Christentum ein, das den Rückzug des Einflusses der Kirche einleiten und beschleunigen würde. Doch bis es soweit war, würde noch viel Blut im Namen des Erlösers fließen.

Zusammenfassend lässt sich bisher sagen, dass während der Blütezeit des Islam im Mittelalter sowohl die Aristotelik als auch die Kabbalah und die Alchemie in Europa Fuß fassten und einander während dieser Zeit womöglich gleichrangig waren in ihrer Wirkung auf den ‚Zeitgeist‘.

Alle drei würden zu dem Konflikt beitragen, den die Kirche in den kommenden Jahrhunderten mit sich und der Welt austragen würde und durch die sich päpstliche Macht und Autorität bedroht sehen musste.

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