Illuminati, Freimaurer und Geheimgesellschaften (ab 1700)

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Um 1700

Fortschritt in unruhigen Zeiten

Aufklärung und ein neues Bürgertum marschierten Seit‘ an Seit‘. Allerdings gab es da ja noch die Monarchie und die war gespalten. Wie es scheint, war jedoch selbst der Adel vom Zeitgeist ergriffen. Friedrich der Große ist ein Beispiel dafür.

Aus freimaurer-wiki.de:

Bild: Wiki – Friedrich Wilhelm I. in Preußen im Harnisch mit Hermelinmantel, Marschallstab sowie Bruststern und Schulterband des Schwarzen Adlerordens (Gemälde von Antoine Pesne, um 1733) war nicht begeistert von der (fortschrittlichen) Marotte der Freimaurerei …

Der Schwarze Adlerorden war übrigens kein Verdienstorden wie der Orden Pour le Mérite, sondern zunächst ein Hausorden mit begrenzter Mitgliederzahl. Das Motto des Ordens lautete „Suum cuique“. Ursprünglich sollte die Zahl der preußischen Ordensträger, die königlichen Prinzen nicht mitgerechnet, nur 30 betragen.[1] Bis 1848 mussten Personen von nicht reichsfürstlicher Geburt, die die Auszeichnung bekommen sollten, ihre Abstammung von acht adligen Ahnen nachweisen und das 30. Lebensjahr erreicht haben.[2]

Der Hosenbandorden der englischen Adligkeit hat(te) eine ähnlich noble Besetzung.

Nichtsdestotrotz äußerte sich, während eines Tischgepräches,  der Vater, König Friedrich Wilhelm I. (1688-1749), auf einer Rheinreise 1738 abfällig über die Freimaurerei und alle geheimen Gesellschaften. Graf Albrecht Wolfgang zu Schaumburg-Lippe widersprach und bekannte sich offen zur Freimaurerei. […] Sohn Friedrich sah sich durch dieses Tischgespräch in seinen Ansichten bestärkt und war derart beeindruckt, daß er dem Grafen gegenüber den Wunsch äußerte, Freimauer zu werden.

Bild: Wiki – Albrecht Wolfgang zu Schaumburg-Lippe (1699-1748)

Zu Schaumburg-Lippe war wahrscheinlich der erste offizielle deutsche Freimaurer und wahrscheinlich während eines längeren Englandaufenthaltes schon im Jahre 1723 und damit als erster Deutscher zum Freimaurer aufgenommen. 1725 jedenfalls erscheint sein Name als „Count la Lippe“ im Mitgliederverzeichnis der Londoner Loge „Hummer and Grapes“.

Der junge Prinz Friedrich, der in seiner Jugend unter seinem Vater zu leiden hat, erscheint unter der Nummer 31 im Mitgliedsverzeichnis der Loge d’Hambourg „Friedrich von Preussen, geb. 24. Jan. 1712, Kronprinz“. Als Aufnahmetag ist angegeben: 14/15. August 1738 in Braunschweig. Die Spalte Bemerkungen vermerkt lediglich: gest. 17. August 1786.

Bild: Wiki – Der „Alte Fritz“: Friedrich II. (1712-1786) im Alter von 68 Jahren (Gemälde von Anton Graff, 1781) bewilligte Friedrich die Gründung der Loge „Aux trois globes“ in Berlin, aus der mit seiner Genehmigung späterhin die Große National Mutterloge der preußischen Staaten entstand.

Zeit seines Lebens blieb Friedrich II. der Freimaurerei treu.

[…] Zustimmende Außerungen zu der Freimaurerei, wie er sie verstanden haben wollte, sind aber auch noch aus seinen späten Lebensjahren bekannt, so 1777, wo er vor seinem Neffen Friedrich August dem guten Geiste, der alle ihre Mitglieder beseelt, Beifall zollt. Im gleichen Jahre schreibt er an die Loge „La Royale York de l’Amitié“:
„Eine Gesellschaft, die nur daran arbeitet, in meinen Staaten alle Tugenden auf fruchtbringende Weise hervorzurufen, kann immer auf meine Protektion rechnen. Dies ist eine rühmliche Aufgabe für einen jeden guten Herrscher, und ich werde nie aufhören, sie zu erfüllen.“
Auch 1779 versichert er in einer Kabinettsordre vom 7. Februar der gleichen Loge seine freundschaftliche Teilnahme. [67]

Friedrich der Große hielt persönlich Loge, nahm selber Freimauer auf und übernahm das Protektorat über die Logen in seinen Provinzen. Er blieb der Freimaurerei ein Leben lang verbunden und hat seine Staaten der Freimaurerei geöffnet, wodurch sich die Freimaurerei rasch in Deutschland ausbreitete.

1740 besuchte Voltaire das erste Mal den Hof von Friedrich dem Großen um die Ideen der Aufklärung mit ihm zu diskutieren. Voltaire war in der Loge der Neun Musen initiiert worden und Friedrich war schon ein paar Jahre Freimaurer, der als Großmeister und Führer des Schottischen Ritus diente. Friedrich half dabei, das russische Staatswesen zu säkularisieren, was die fortschrittliche Haltung der Freimaurerei zu betonen scheint.

Ein Blick auf die jüdische Geschichte in Frankfurt, Stuttgart und Erfurt

Bevor wir einen Blick auf den kometenhaften Aufstieg eines Juden aus der Frankfurter Judengasse namens Mayer Amschel Bauer werfen, dem es gelang, eine bevorzugte Stellung am Hof Hessen-Kassel aufzubauen und dessen Söhne und Enkel unübertroffenen Reichtum anhäuften, folgt eine Skizzierung der Entwicklung der Frankfurter und ein Schlaglicht auf ein Ereignis in der Stuttgarter Judengemeinschaft im 17. und 18. Jahrhundert.

Die Skizze zeichnet ein grobes Bild in niederschmetternden schwarz-rotem Ton, das Schlaglicht offenbart die Brutalität der damaligen Gesellschaft. Der Begriff christliche Nächstenliebe bezog sich aus Sicht großer Teile des damaligen Bürgertums eindeutig nicht auf die Juden, von der Kirche, ob altkatholisch oder lutheranisch, gar nicht zu reden.

Frankfurt

Bild: Wiki – Frankfurt von Südwesten, rechts die Alte Brücke, etwa 1617/18, vor 1619
(Kupferstich von Matthäus Merian d.Ä.)

Die ersten Aufzeichnungen über eine jüdische Gemeinschaft in Frankfurt gehen zurück auf das 12. oder 13. Jahrhundert, als etwa 100 oder 200 Menschen gezählt wurden. Ein Dreiviertel der Gemeinde wurden 1241 bei der sogenannten „Judenschlacht“ massakriert. Die jüdische Gemeinde erholte sich in den darauf folgenden Jahrzehnten wieder, doch schon 1349 wurde sie Opfer eines neuen Progromes. Im ersten Fall wurden die Juden beschuldigt, mit den anrückenden Mongolen im Bunde zu sein, im zweiten hatten die sogenannten Geissler das Gerücht in die Welt gesetzt, die Juden würden die Pest übertragen. Allerdings gibt es neue Hinweise darauf, dass die Ermordung von 60 Juden von langer Hand vorbereitet worden war, durch welche die Patrizier sich gleichzeitig ihrer Schulden entledigten und sich den freigewordenen jüdischen Besitz aneignen konnten.

Sicherlich spielten weltliche Gründe mit eine wichtige Rolle, warum sowohl der Kaiser 1236 die Juden für „servi nostri et servi camerae nostri“ erklärte als auch die lokalen Adligen und Behörden Interesse daran hatten, Juden anzusiedeln. Tatsächlich scheint der hauptsächliche Grund für das Interesse ein ökonomischer zu sein. Juden wurden schlichtweg besteuert, wo es nur ging. Gleichzeitig waren sie vom Zinsverbot ausgenommen, weswegen das Geld- und Wechslergeschäft und der Handel ihre natürliche Domäne wurde. Viele andere Tätigkeiten waren ihnen verboten. Es war damalige Praxis in vielen Städten, dass Juden im Tausch für den „Schutz“ der Stadt zahlen mussten, und gleichzeitig Beschränkungen unterworfen wurden. Die Abgaben der Juden waren ein fester Bestandteil des Steuersystems von Königen und Städten und das Recht Geld von den Juden einzutreiben, wurde gehandelt wie bare Münze oder Pfandbriefe. .

Ein kurzer Blick nach Erfurt

Das lukrative Geschäft mit dem Schutzrecht wird auch in den Gebühren des Erzbischofs von Mainz ersichtlich, der durch das Schutzgeld der Juden über ordentliche Nebeneinnahmen verfügte. Zunächst galten die Steuern jedoch für eine Gemeinschaft und nicht für einzelne Juden.

Die Gerichtsbarkeit über die Erfurter Juden hatte zu Anfang des 13. Jahrhunderts der Mainzer Erzbischof. Des Weiteren besaß er das Besteuerungsrecht und das Recht auf Erteilung von Privilegien. Er verhängte eine Jahressteuer über die Juden, die bei 80 Mark lötigen Silbers lag und später auf 100 Mark lötigen Silbers erhöht wurde, zu zahlen zu Martini. Des Weiteren mussten die Juden in Erfurt Zins von ihren Häusern zahlen und Neujahr hatten sie dem Erzbischofshof in Erfurt vier Pfund Pfeffer zu entrichten. Zusätzlich waren sie verpflichtet, wenn der Notar des Erzbischofs anwesend war, diesen mit Pergament zu versorgen. [78]

1292 beschloss das Aschaffenburger Konzil, dass alle Juden nach außen hin erkennbar sein sollten. Sie mussten von nun an einen gelben Judenkreis als Abzeichen tragen, um von der christlichen Bürgerschaft unterscheidbar zu sein. Interessanterweise konnten sich die Erfurter Juden durch eine Abgabe von dieser Pflicht befreien.

1360

Bis 1349 waren Juden in Frankfurt in der Bürgerliste eingetragen, als nach 1360 eine Neuansiedlung begann, änderte sich dieser Status. Von nun an musste jeder Jude einzeln ein Schutzrecht erkaufen, in dem Aufenthaltsdauer, regelmäßige Zahlungen und zu beachtende Vorschriften geregelt wurden. 1366 wurden auf Veranlassung Karl VI. Juden verboten, Handwerksmeister auzubilden oder eine eigene Gerichtsbarkeit zu führen.

Zwischen 1412 und 1416 sank die Zahl der jüdischen Haushalte von ca. 27 auf ca. vier. 1422 verweigerte der Rat unter Berufung auf seine Privilegien die Einziehung einer vom römisch-deutschen König und späteren Kaiser Sigismund den Juden auferlegten Ketzersteuer, woraufhin die Frankfurter Juden mit der Reichsacht belegt wurden und die Stadt verlassen mussten.

Das Konstanzer Konzil

Während der Herrschaft des Kaiser Sigismund kam es zum sogenannten abendländischen Schisma und einem Kampf innerhalb der Kirche mit verschiedenen Päpsten, welches erst auf dem von Sigismund einberufenen Konstanzer Konzil (1414-1418) geklärt werden konnte. Die Unruhen in Böhmen um den Unruhestifter Hus (1370-1415) beschäftigten das Konzil ebenfalls.

Bild: Wiki – Kaiser Sigismund, Porträt eines böhmischen Meisters (Prag?) (1436/37), früher Antonio Pisanello (1433) zugeordnet. Erhebt die Ketzersteuer für Juden und lässt zu, dass Hus auf dem Scheiterhaufen endet, weil er die Einheit der katholischen Kirche nicht gefährden will.

Sigismund sicherte dem Prager Prediger Jan Hus freies Geleit zu und stellte ihm einen Geleitbrief in Aussicht. Hus erreichte am 3. November Konstanz, wo er zunächst drei Wochen in einer Herberge predigte, danach aber festgenommen wurde. Als Sigismund am 24. Dezember 1414 eintraf, gab er sich über den Bruch des Geleitbriefes zornig, tat aber nichts, um Hus zu befreien. Die Geleitzusage Sigismunds wurde für nichtig erklärt, da Hus seine Ansichten nicht zurücknehmen wolle und deshalb nicht mehr die weltliche Ordnung für ihn zuständig sei, sondern das kirchliche Recht.

Kristallklar wird in dieser Geschichte die Macht der Kirche, die sich die unbedingte und absolute Oberhoheit über alle Fragen des Glaubens, der Sitte und der Moral anmaßt, und nicht einmal ein Kaiser konnte gegen die Kirche handeln. Am 6. Juli 1415 wurde Hus als Häretiker zum Feuertod verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

In Böhmen kam es in Folge zu regelrechten Volksaufständen, bei denen der Kaiser auch mal den Kürzeren gegen die Hussiten zog. Sigismund rief zum Kreuzzug gegen die Rebellen auf, der aber sehr rasch die Form eines langwierigen Kleinkrieges annahm und erst 1436 beendet werden konnte.

Die Juden-Stättigkeitsverordnung und das Ghetto

Erst 1424 konnten die Juden nach Frankfurt zurückkehren, nachdem der Kaiser Sigismund die Frankfurter Rechtsposition anerkannt hatte. Es ging hierbei, und das lässt sich eindeutig so festhalten, um Geld und die „Schutzbriefe“, mit dem die Juden besteuert wurden.

Alle einzelnen Regelungen wurden vom Rat erstmals 1424 in der Juden stedikeit zusammengefasst und von da an jährlich in der Synagoge verlesen.

1458 erging auf Befehl von Friedrich III. auf Anordnung, dass die Juden in Frankfurt sich nur innerhalb eines bestimmten Strassenabschnittes niederlassen durften, im Ghetto (von italienisch borghetto, Vorort), das als Frankfurter Judengasse berüchtigt wurde. An beiden Enden der Straße wurden Tore errichtet, eine Art Gefangenschaft der Juden begann.

Bild: Wiki – Porträt Kaiser Friedrichs III. (1415-1493) (zugeschrieben Hans Burgkmair d. Ä., Kunsthistorisches Museum Wien), Erfinder des Frankfurter Juden-Ghettos und Begründer des Habsburger Reiches.

Ein Reisender nach Frankfurt im Jahr 1475 kam auf seinem Weg in die Stadt über die Sachsenhausener Brücke an einem obszönen Bildnis vorbei, in dem Juden auf unappetitlichste Weise mit einer Sau zu Gange waren. Der ‚jüdische Teufel‘ sah wohlwollend dabei zu. Ein weiteres Bild zeigte die von Messerstichen durchbohrte Leiche eines Kleinkindes, eine Schrift darunter besagte „Der zwei Jahre alte Simeon wurde durch Juden ermordet“.

Der Frankfurter Brückenturm

Die Rede ist wahrscheinlich vom Frankfurter Brückenturm, der reich mit Malereien verziert war: 1392 wurde der Durchgang mit einem Fresko des Martyriums Christi ausgemalt, um 1500 ließ der Rat ein sogenanntes Judenschandbild, die Judensau, ergänzen. Trotz aller Eingaben der jüdischen Gemeinde blieb dieses Zeugnis für öffentlichen Antijudaismus bis zum Abriss des Turmes erhalten, sie wurde sogar immer wieder erneuert. [74]

Bild: Wiki – Die Brückentürme zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Aquarell von Peter Becker, 1889

Der Autor eines Artikels der New York Times kommt zu dem Schluss, dass die Judensau und das ermordete Kind „offiziell sanktionierte Symbole einer lang andauernden feindseligen Tradition“ der Stadt Frankfurt gegenüber Juden gewesen seien. [76]

Weitere Vertreibungen im 15. Jahrhundert

Die Vertreibung der Juden aus den Städten Trier 1418, Wien 1420, Köln 1424, Augsburg 1438, Breslau 1453, Magdeburg 1493, Nürnberg 1499 und Regensburg 1519 führte zur allmählich wachsenden Bedeutung Frankfurts als Finanzplatz. Denn viele der anderenorts Vertriebenen zogen in die Stadt am Main, wenngleich deren Rat nur den finanzkräftigsten unter ihnen die Niederlassung erlaubte.

Zwischen 1542 und 1610 wuchs die jüdische Bevölkerung in Frankfurt von ungefähr 400 auf 1380 an; während dieser Zeit kommen auch viele Hugenotten aus Holland in die Stadt, was möglicherweise zu Spannungen mit der einheimischen Bevölkerung führte.

Rattenhäuschen und Gerüchte über Ritualmorde

Nicht zu unterschätzen war im 15. und 16. Jahrhundert die Rattenplage.

[…]Das Rattenhäuschen befand sich von 1499 bis 1569 auf einem Pfeiler an der Ostseite der Brücke. Im 15. Jahrhundert hatten in der Stadt die Ratten überhandgenommen. Der Aufseher im Rattenhäuschen, der Rattenmesser, zahlte für jede getötete Ratte einen Heller, schnitt ihr den Schwanz als Quittung ab und warf den Rest in den Main. Für die Finanzierung zog man die Strafgelder heran, die die Juden bei Übertretungen zahlen mussten. [75]

1504 machten Anschuldigen wegen den angeblichen Ritualmorden die Runde, fünf Jahre darauf wurde der Versuch unternommen, die Juden wegen Häresie anzuklagen. 1537 verschärfte sich die Lage noch, als die Mehrheit der Frankfurter Bürger zu Luthers Protestanten konvertierte, zieht man die feindselige Einstellung Luthers gegenüber Juden mit in Betracht.

Mores im Mittelalter

Die Geschichte des Sachsenhausener Brückenturms bietet einen guten Einblick in die damalige Praxis des Strafvollzugs, die allgemeine Handhabung der sogenannten Abschreckungspolitik und die hygienischen Zustände in Frankfurt zwischen 1500 und 1700. Wikipedia berichtet z.B. über Köpfe, die dort aufgehängt wurden, und damit sind nicht etwa Büsten aus Stein gemeint.

[Der alte Brückenturm] diente als Gefängnis, und 1693 wurde die Folter aus der Katharinenpforte hierher verlegt. 1616 wurden die Köpfe von Vinzenz Fettmilch und drei weiteren Anführern des Fettmilch-Aufstandes an der Südseite des Turmes angebracht.

Johann Wolfgang von Goethe berichtete in „Dichtung und Wahrheit“, dass mindestens einer noch 150 später dort hing, wohl zur Abschreckung.

„Unter den altertümlichen Resten war mir, von Kindheit an, der auf dem Brückenturm aufgesteckte Schädel eines Staatsverbrechers merkwürdig gewesen, der von dreien oder vieren, wie die leeren eisernen Spitzen auswiesen, seit 1616 sich durch alle Unbilden der Zeit und Witterung erhalten hatte. So oft man von Sachsenhausen nach Frankfurt zurückkehrte, hatte man den Turm vor sich, und der Schädel fiel ins Auge.“[2]

Der Fettmilch-Aufstand

Im August 1614 wurde die Judengasse von einem betrunkenen und johlenden Mob, der hauptsächlich aus Handwerkergesellen bestanden haben soll, geplündert, wobei zwei Juden und einer der Angreifer zu Tode kamen. Die Bewohner flüchteten auf den Friedhof oder in die Stadt, teilweise wurden sie von Frankfurtern aufgenommen. Der Aufstand wurde nach einem der Anführer, Vinzenz Fettmilch, der Fettmilch-Aufstand genannt.

Bild: Wiki – Die Vertreibung der Juden aus Frankfurt im August 1614

Im Anschluss an die Plünderung der Judengasse, bei der ein Schaden von 170.000 Gulden entstanden sein soll, wurden die Juden offiziell der Stadt verwiesen.

Warum es zu den Übergriffen kam, bleibt in der Geschichte ein wenig verschwommen, zumal die Unruhen, die den Plünderungen vorausgingen, sich gar nicht in der Hauptsache gegen Juden richteten, sondern gegen den Frankfurter Patrizier-Rat, der von den Gilden zur Rechenschaft gezogen wurde, wobei offenbar wurde, dass dem Frankfurter Stadtsäckel 9 1/2 Tonnen Goldgulden fehlten. Die Stadt war bis über beide Ohren verschuldet.

Der Rat und das Frankfurter Stadtsäckel

Die Unruhen nahmen schon zwei Jahre vorher ihren Anfang, als am 9. Juni 1612 Bürger und Zunftmeister vor der Wahl des neuen Kaisers Matthias vom Rat die früher bei solchen Gelegenheiten übliche öffentliche Verlesung der Privilegien der Stadt verlangten.

Als dieses Anliegen verwehrt wurde, weitete sich der Streit aus, bei dem der Kurfürst und schließlich der Kaiser angerufen wurde, die sich beide jedoch nicht in die inneren Angelegenheiten der Stadt einmischen wollten. Außerdem forderten die Zünfte ein stärkes Mitspracherecht.

Der 42-köpfige Rat wurde von den 24 Mitgliedern aus den Patrizierfamilien dominiert, die der Gesellschaft Alten Limpurg angehörten. Dies war derjenige Teil des Frankfurter Patriziats, der sich am Lebensstil des Adels orientierte und nicht mehr von Fernhandel und Geldgeschäften, sondern von Einkünften aus Grundbesitz lebte. Ihm stand die Gesellschaft Zum Frauenstein gegenüber, in der sich die Großkaufleute der Stadt zusammengeschlossen hatten. Sie teilten sich die übrigen 18 Ratssitze mit den Vertretern der Handwerkszünfte. Diese Sitzverteilung war festgelegt. [76]

Außer einer stärkeren Repräsentation verlangten die Zunftmeister 1612 die Einrichtung eines öffentlichen Kornmarkts in Frankfurt, um niedrigere Getreidepreise durchsetzen zu können, sowie eine Senkung der von den Frankfurter Juden angeblich geforderten Wucherzinsen von 12 auf 6 Prozent. (Tatsächlich nahmen jüdische und christliche Bankiers in Frankfurt etwa die gleichen Zinssätze.)

Weitere Punkte betrafen die Beschränkung der Anzahl der Juden in der Judengasse und Forderungen der Reformierten, die nach der bürgerlichen Gleichstellung im lutherischen Frankfurt verlangten

Der Verdacht liegt nahe, dass für die judenfeindliche Wendung, die der Aufstand schließlich nahm, unter anderem Kaufleute, Handwerksmeister und andere Schuldner von Geldverleihern aus der Judengasse verantwortlich waren, die hofften, zusammen mit ihren Gläubigern auch ihre Verpflichtungen ihnen gegenüber loszuwerden.

Der Rat willigte am 21. Dezember 1612 in einen Bürgervertrag ein. Diese neue städtische Verfassung, die im Wesentlichen bis 1806 in Kraft blieb, sah eine Erweiterung des Rats um 18 Mitglieder vor, sowie einen Neuner-Ausschuss der Zünfte, der das Recht besaß, die Rechnungsbücher der Stadt zu prüfen.

Unterschlagung und Verschwendung

Bei der darauf hin erfolgten Prüfung der Bücher, wurde 1613 offenbar, warum der Rat bislang alles versucht hatte, um genau das zu vermeiden. Es stellte sich heraus, dass Frankfurt hoch verschuldet war und der Rat unter anderem Mittel verschwendet hatte, die der Armen- und Krankenfürsorge hätten dienen sollen. Strafgelder hatten die Steuereinnehmer zum eigenen Nutzen veruntreut. Zudem wurde bekannt, dass der Patrizier Johann Friedrich Faust die Bestätigung des Bürgervertrags durch den Kaiser zu hintertreiben versuchte.

Ein weiterer Konflikt betraf die so genannte „Judenstättigkeit“, die Verordnung, die das Leben der Juden in Frankfurt regelte. Das Schutzgeld, das die Juden nach dieser Verordnung zu zahlen hatten, war nicht an die Stadtkasse gegangen, sondern unter den Ratsmitgliedern aufgeteilt worden. Um zu verhindern, dass die Unrechtmäßigkeit dieses Vorgehens publik würde, ließ der Rat Neudrucke der „Judenstättigkeit“ konfiszieren. Gleichzeitig kamen Gerüchte auf, die Juden machten mit den Patriziern gemeinsame Sache. Vinzenz Fettmilch veröffentlichte schließlich die Urkunde, mit der Kaiser Karl IV. 1349 seine Herrschaftsrechte über die jüdischen Einwohner Frankfurts an die Stadt abgetreten hatte. Darin fand sich der verhängnisvolle Satz, dass der Kaiser die Stadt nicht dafür zur Verantwortung ziehen werde, falls die Juden „von Todes wegen abgingen oder verdürben oder erschlagen würden“. Dies verstanden viele als Freibrief für ein Pogrom.

Als die enorme Verschuldung Frankfurts – 9½ Tonnen Goldgulden – öffentlich wurde, stürmte eine Menge am 6. Mai 1613 den Römer, das Frankfurter Rathaus, und erzwang die Herausgabe der Schlüssel zur Stadtkasse an den Neuner-Ausschuss der Zünfte. Am 15. Januar 1614 unterzeichneten beide Parteien einen neuen Vertrag.

Androhung der Reichsacht

Da der Rat aber weiterhin keine Belege für den Verbleib der 9½ Tonnen Goldgulden beibringen konnte, setzte sich unter den Zünften der radikale Flügel unter Vinzenz Fettmilch durch. Am 5. Mai 1614 ließ er die Stadttore von seinen Anhängern besetzen, den alten Rat für abgesetzt erklären und seine Mitglieder im Römer verhaften. Daraufhin erschien am 26. Juli ein kaiserlicher Herold in der Stadt, der die Wiedereinsetzung des Rats forderte. Als dem nicht Folge geleistet wurde, ließ der Kaiser am 22. August jedem Frankfurter die Reichsacht androhen, der nicht bereit war, sich durch Eid seinem Befehl zu unterwerfen.

Die Plünderung der Judengasse

Vinzenz Fettmilch selbst scheint an der Plünderung nicht beteiligt gewesen zu sein. In seinem späteren Prozess behauptete er, diese sei gegen seinen Willen erfolgt. Möglicherweise hatte er kurzfristig die Kontrolle über seine Anhänger verloren. Tatsache ist dagegen, dass er am nächsten Tag die Vertreibung aller Juden aus Frankfurt erzwang. Die Plünderungen waren noch in der Nacht von einer Frankfurter Bürgerwehr beendet worden.

Bild: Wiki – Vinzenz Fettmilch, Conrad Gerngroß und Conrad Schopp, die Anführer des Fettmilchaufstandes, auf einem Stich aus dem Jahr 1614

In einem langwierigen Prozess, der sich fast das ganze Jahr 1615 hinzog, wurden Fettmilch und insgesamt 38 Mitangeklagte nicht direkt wegen der Ausschreitungen gegen die Juden verurteilt, sondern wegen Majestätsverbrechen, da sie die Befehle des Kaisers missachtet hatten. Über sieben von ihnen wurde das Todesurteil verhängt, das am 28. Februar 1616 auf dem Frankfurter Roßmarkt vollstreckt wurde. Vor der Enthauptung schlug man ihnen die Schwurfinger ab, Fettmilch wurde darüber hinaus nach seiner Hinrichtung gevierteilt. Die Köpfe von Fettmilch, Gerngroß, Schopp und Ebel wurden am Frankfurter Brückenturm aufgespießt, wo zur Zeit Goethes wenigstens noch einer von ihnen zu sehen war.

Nach den Hinrichtungen, die sich mit dem Verlesen der Urteile über mehrere Stunden hinzogen, wurde ein kaiserliches Mandat bekannt gemacht, welches die Wiedereinsetzung der im August 1614 verjagten Juden in ihre alten Rechte gebot. Noch am selben Tag wurden die Juden, die bis dahin überwiegend in Höchst und Hanau Zuflucht gefunden hatten, in einer feierlichen Prozession in die Judengasse zurückgeführt. An deren Tor wurde ein Reichsadler angebracht mit der Umschrift „Römisch kaiserlicher Majestät und des heiligen Reiches Schutz“.

Der misslunge Fettmilch-Aufstand hatte zur Folge, dass die Patrizier vorübergehend gegenüber den Gilden gestärkt wurden, das Leben der Juden wurde in Folge eher noch mehr reglementiert.

Einschränkungen des jüdischen Lebens

Die Juden sollten zwar für sämtliche Sachschäden aus der Stadtkasse entschädigt werden, erhielten das Geld aber nie. Und obwohl Opfer des Aufstands, wurden auch sie weitgehend den alten Restriktionen unterworfen. Die neue „Judenstättigkeit“ für Frankfurt, die von den kaiserlichen Kommissaren aus Hessen und Kurmainz erlassen wurde, bestimmte, dass die Zahl der jüdischen Familien in Frankfurt auf 500 beschränkt bleiben sollte. Die Anzahl der Heiraten von Juden war auf 12 beschränkt.

Bild: Wiki- Die bogenförmige Judengasse auf einer Stadtansicht von Matthäus Merian aus dem Jahr 1628

Sie durften keine offenen Läden halten, keinen Kleinhandel in der Stadt betreiben, keine Geschäftsgemeinschaft mit Bürgern eingehen und keinen Grundbesitz erwerben, alles Einschränkungen, deren Wurzeln weit ins Mittelalter zurückreichten.

Wenn auf der Straße ein Bürger zu einem Juden sagte, „Jud, mach Mores“, dann musste der angesprochene Jude zur Seite treten und seinen Hut ziehen. Dies galt auch, wenn der Bürger noch ein Kind war. Um die Stadt zu verlassen, benötigten Juden einen Pass, für den sie das doppelte eines normalen Bürgers bezahlten, dasselbe galt auch für die Gebühren, die beim Betreten der Stadt fällig wurden. Sie durften nicht in die Parkanlagen, Cafes, Wirtschaften oder auf die Promenade. Zeitweise durften sie überhaupt nur maximal zu zweit nebeneinander durch die Straßen gehen. Bis 1726 mussten die Juden in Frankfurt ein bestimmtes Zeichen an ihrer Kleidung tragen. Bei den Männern waren es zwei konzentrische gelbe Ringe, Frauen trugen gestreifte Schleier.

An Sonn- und Feiertagen durften Juden das Ghetto nicht verlassen, desgleichen war es ihnen verboten, das Ghetto nachts, wenn die Tore verschlossen waren, zu verlassen.

Neu in der Stättigkeit war, dass den Juden nun der Großhandel ausdrücklich gestattet war, so der Handel mit Pfandgütern wie Korn, Wein und Spezereien oder der Fernhandel mit Tuch, Seide und Textilien. Vermutlich stärkte der Kaiser die wirtschaftliche Stellung der Juden, um ein Gegengewicht zu den christlichen Kaufmanns-Familien zu schaffen, die nach der Entmachtung der Zünfte nun in Frankfurt herrschten.

  1. Samuel Wolf Oppenheimer (* 21. Juni 1630 in Heidelberg; † 3. Mai 1703 in Wien), auch Samuel Heidelberg genannt, war ein Geldleiher, Armeelieferant, Hofverwalter und Diplomat[12]. Er ehelichte (II) Sandela Sentille Carcassone, Tochter des Manoach Carcassone von Mannheim[13]. Oppenheimers bis zu 20 % verzinsten Darlehen stellten den größten Posten unter den Schulden Österreichs nach dem Spanischen Erbfolgekrieg dar. Sie sollen sich auf ca. sechs Millionen Gulden belaufen haben, welche größtenteils über Dritte refinanziert waren. Nach dem Tod Oppenheimers entledigte sich Österreich dieser Schulden, indem es nicht zurückzahlte, sondern den Konkurs über den Nachlass verfügte. Die kaiserliche Konkurserklärung stürzte alle mit Oppenheimer in Verbindung stehenden Geldgeber und nachweislich auch die Frankfurter Börse in eine schwere Krise. Sein engster Vertrauter und Vertreter war Samson Wertheimer (1658–1726)[14].

Joseph Süß

Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer,  wurde 1698 in Heidelberg geboren und starb am 4. Februar 1738 unter erbärmlichen Umständen in Stuttgart. Diese Geschichte zeigt erneut die barbarischen Gebräuche, welche noch im 18. Jahrhundert gang und gäbe waren.

Bild: Wiki – Joseph Süß Oppenheimer (Kupferstich von 1738)

Josephs Aufstieg aus dem Stuttgarter jüdischen Ghetto zum Hoffaktor des Herzogs Karl Alexander von Württemberg war zur damaligen Zeit einmalig, sein beispielloser Erfolg erregte Neid und Missgunst, wie man sich unschwer vorstellen kann. Sein Leben wurde auch von den Nationalsozialisten im Film ‚Jud Süß‘ antisemitisch ausgeschlachtet.

Joseph Süß Oppenheimer wuchs in Heidelberg in bürgerlichen Verhältnissen in einer angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie auf. 1713 bis 1717 unternahm er Reisen nach Amsterdam, Wien und Prag.

Er war ein Verwandter eines anderen sagenhaft erfolgreichen Oppenheimers, Samuel Wolf Oppenheimer (1630-1703), der ein Geldleiher, Armeelieferant, Hofverwalter und war Diplomat war.

Oppenheimers bis zu 20 % verzinsten Darlehen stellten den größten Posten unter den Schulden Österreichs nach dem Spanischen Erbfolgekrieg dar. Sie sollen sich auf ca. sechs Millionen Gulden belaufen haben, welche größtenteils über Dritte refinanziert waren. Nach dem Tod Oppenheimers entledigte sich Österreich dieser Schulden, indem es nicht zurückzahlte, sondern den Konkurs über den Nachlass verfügte. Die kaiserliche Konkurserklärung stürzte alle mit Oppenheimer in Verbindung stehenden Geldgeber und nachweislich auch die Frankfurter Börse in eine schwere Krise. Sein engster Vertrauter und Vertreter war Samson Wertheimer (1658–1726) [14].

Oppenheimer´s Karriere als Finanzmakler

Der junge Joseph Süß Oppenheimer begann erfolgreich, sich seinen Lebensunterhalt in der Pfalz als Privatfinanzier zu verdienen; auch das Eintreiben von Schulden gehörte zu seinen ersten Tätigkeiten. Mit der Vergabe von Krediten an verschuldete Adlige stieg er gesellschaftlich auf; er sprang immer dann ein, wenn Banken sich weigerten, den aufwändigen Lebenswandel der Geldsuchenden zu finanzieren. Seine Kredite waren teuer, jedoch ohne zu wuchern.

Als Finanzmakler und Bankier brachte er es schnell zu Wohlstand und Ansehen. Er arbeitete unter anderem für den pfälzischen und den Kölnischen Kurfürsten. 1732 lernte er in Wildbad dessen Neffen Karl Alexander kennen, der unter chronischem Geldmangel litt. Noch im selben Jahr ernannte dieser Oppenheimer zu seinem Hof- und Kriegsfaktor.

1736 wurde Oppenheimer zum Geheimen Finanzrat und politischen Ratgeber des Herzogs berufen und stieg schnell weiter auf. Herzog Karl Alexander war lange vor der Thronbesteigung vom protestantischen zum katholischen Glauben übergetreten. In seiner vierjährigen Regierungszeit (1733–1737) regierte also ein katholischer Fürst beraten von einem Juden ohne volle Bürgerrechte über eine protestantische Bevölkerung, was erhebliche Spannungen erzeugte. […]

Während dieser Zeit war Oppenheimer als Abgesandter des Fürsten in Frankfurt, wo es ihm seine privilegierte Position erlaubte, außerhalb der Judengasse im Goldenen Schwan zu übernachten.

Herzog Karl Alexander beschloss die von Oppenheimer vorgeschlagenen Maßnahmen und Reformen in absolutistischer Machtvollkommenheit, ohne die Zustimmung der protestantischen Württembergischen Landstände, obgleich diesen nach dem Tübinger Vertrag, der auch als württembergische Verfassung galt, das Recht der Steuerbewilligung zugestanden hätte.

Tod des Herzogs und Ende des Schutzes

Als nun der Herzog stirbt, wird Oppenheimer noch am selben Tag vom Kommandanten der Bürgerwehr, Major von Röder, festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Gleich nach seiner Verhaftung wurde auch sein gesamtes Personal verhaftet, die Wohnung versiegelt, das Vermögen konfisziert und private und geschäftliche Schriftstücke beschlagnahmt. Was folgt ist eine Schande für die Christenheit.

Die Anklage lautete auf Hochverrat, Majestätsbeleidigung, Beraubung der staatlichen Kassen, Amtshandel, Bestechlichkeit, Schändung der protestantischen Religion und sexuellen Umgang mit Christinnen. Man warf ihm unter anderem vor, er habe sich an einer Vierzehnjährigen vergangen. Deren Jungfräulichkeit wurde jedoch von zwei Hebammen bestätigt. Die 20 Jahre jüngere Luciana Fischer, eine Christin und älteste Tochter einer vornehmen Familie, hatte mit Oppenheimer ein Verhältnis. Mit ihm wurde auch sie verhaftet und in neun Verhören ausgehorcht. Als sie im Zuchthaus in Ludwigsburg am 14. September 1737 mit einem Sohn niederkam, gab sie die sexuelle Beziehung zu. Der Säugling starb um die Jahreswende 1737/38 im eisigen Zuchthaus.

Bei der Urteilsverkündung wurde eine Verteidigungsschrift gar nicht erst verlesen, auf Benennung von Straftaten und auf eine Begründung wurde verzichtet, anstattdessen wurde gleich zum Urteil geschritten.

Das Todesurteil unterzeichnete Herzog Carl Rudolf, der Vormund von Karl Alexanders minderjährigem Sohn Carl Eugen am 25. Januar 1738, er soll gesagt haben: das ist ein seltenes Ereignuß, daß ein Jud für Christenschelmen die Zeche bezahlt. Am 30. Januar wurde der ausgezehrte Oppenheimer (er hatte das Essen verweigert, weil es nicht koscher war) nach Stuttgart ins Herrenhaus am Marktplatz verlegt, wo man zum Tode Verurteilte bis zur Hinrichtung verwahrte.

Die Schau-Hinrichtung Oppenheimers

Man stellte Oppenheimer in einem rot gestrichenen Käfig zur Schau und versprach, ihn zu begnadigen, falls er zum Christentum übertrete, was er jedoch ablehnte.

Am 4. Februar 1738, dem Tag der Hinrichtung, wurde massive militärische Präsenz gezeigt:

1200 Soldaten sollen den Marktplatz abgeriegelt haben, die Hinrichtungsstätte sicherten 600 weitere, Bürgerwachen liefen Patrouille und es gab verschärfte Kontrollen an allen Stadttoren.

Gegen 9 Uhr morgens trat das 13-köpfige Gericht zur Verkündigung des einstimmig gefassten Urteils im Herrenhaus zusammen. Der zum Skelett abgemagerte Oppenheimer warf sich auf die Knie und bat ein letztes Mal um Gnade, allerdings umsonst. Seine Henkersmahlzeit rührte er nicht an. Danach wurde er in den Schinderkarren gezerrt. Den Zug zum Galgenberg außerhalb Stuttgarts eskortierten 120 Grenadiere. Oppenheimer betete unablässig. Die Zehn Gebote hatte er sich mit einem schwarzen Schnupftuch um die Stirn gebunden. Auch widerstand er den beiden Geistlichen, die ihn bis zuletzt zum Christentum bekehren wollten.

Bild: Wiki – Überhöhte Darstellung der Hinrichtung des Joseph Süß Oppenheimer am 4. Februar 1738 vor den Toren Stuttgarts. Der reale Galgen maß mit Fundament zwölf Meter.

An der Hinrichtungsstätte wurden Tribünen errichtet, „eigens auch Buden für Cavalliers und Dames“, um vor Sonne und Regen zu schützen. Inmitten des Platzes ragte der zwölf Meter hohe eiserne Galgen auf hohem Fundament empor: der höchste im ganzen Deutschen Reich. Über 49 Leitersprossen musste er erklommen werden. Oben hing ein rot gestrichener eiserner Käfig. Ihn mussten mehr als 50 Stuttgarter Schlossermeister und Gesellen anfertigen, damit sie nach der damaligen Zunftordnung nicht für unehrlich erklärt werden konnten. Vier Henkersknechte schoben den Verurteilten die Leiter hinauf, wo er oben nicht gehenkt, sondern mit einem Strick erdrosselt wurde. Für die Vollstreckung hatte man einen französischen Henker verdingt. Danach wurde die Leiche in den Käfig gehoben und das Gehäuse mehrfach verschlossen. Zur Einschüchterung und Warnung an alle Juden beließ man den Leichnam im Käfig, der später zu einer Balkonbrüstung umschmiedet wurde. [77]

Das ganze Theater soll veranstaltet worden sein, weil Oppenheimer während der Verhandlung gesagt haben soll, dass man ihn nicht höher als bis zum Galgen hinauf hängen könne.

Das Haus Oppenheimer und Rothschild

6 Jahre nach diesen unfassbaren Ereignissen wird ein gewisser Mayer Amschel Rothschild in Frankfurt geboren. Den Juden im Frankfurter Ghetto dürfte die Geschichte nicht unbekannt geblieben sein, und so ist anzunehmen, dass viele kluge jüdische Kaufleute die Lehre ziehen würden, sich nicht allzusehr in das öffentliche Leben zu drängen. In Spanien, Juden und das Haus Habsburg werden wir noch der einen oder anderen prominenten jüdischen Gestalt begegnen, wovon mindestens einer, d´Aguilar, am Hof der Habsburger sehr mächtig wird und später aufgrund der Nachstellungen der Inquisition nach England fliehen musste. Viele andere jüdische Aufsteiger hatten mit Neid und Missgunst zu kämpfen.

Über das Haus Rothschild wurde beinahe ebenso viel geschrieben, wie über die Illuminaten und beinahe ebenso oft werden sie im Zusammenhang mit einer großangelegten Verschwörung erwähnt. Obgleich ich leidenschaftlicher Anhänger der verschiedensten Verschwörungstheorien bin, und mir alle Mühe gegeben habe – einen sinistren Zusammenhang zwischen geheimen Zirkeln und Orden des 18. Jahrhunderts und dem Haus Rothschild zu finden, ist mir bislang nicht gelungen.

Eine andere Geschichte ist, dass unser Finanzsystem selbst eine Verschwörung gegen die Menschheit zu sein scheint, und wenn wir von Geld sprechen, dann stehen die Rothschilds seit dem 19. Jahrhundert natürlich ganz oben auf der Liste der Macher und Profiteure.

Da, wie gesagt, im 18. Jahrhundert, keine plausible Verbindung wie auch immer zwischen dem Haus Rothschild und den angesagten Logen herzustellen ist, beschränke ich mich im Folgenden auf einen sehr kurzen Abschnitt der Biografie der ersten Rothschilds. Im Kapitel über Adam Weishaupt wird dieser Punkt noch bekräftigt werden.

Frühe Jahre in Frankfurt

Die Aufzeichnungen beginnen mit Isak, Sohn des Elchanan, der in den 1560er Jahren in der Frankfurter Judengasse ein Haus baute, das er mit einem roten Schild versah. Es war damals nicht unüblich, die Häuser mit solchen Zeichen zu versehen, wahrscheinlich damit der Briefträger oder Orstfremde in jener Zeit einen Anhaltspunkt hatten, wenn sie eine Adresse suchten. Isak Enkel (gestorben 1685) bezog jedoch ein anderes Haus mit Namen „zur Hinterpfann“. Unklar ist, wann der Name Rothschild eingeführt wurde, wahrscheinlich ist jedoch, dass der Name erst in der Generation von Mayer Amschel gebräuchlich wurde, und zuvor der Familienname Bauer verwendet wurde.

Über Isak wissen wir dass er ein frommer Mann war, anhand der Steuerunterlagen ist bekannt, dass er ein relativ erfolgreicher Geschäftsmann war, der unter anderem mit Kleidern handelte. 5 Jahre vor seinem Tod, 1585, hatte er ein Einkommen von 2700 Gulden und als er starb, erinnerte sein Grabstein an seine Tugend. Über die Generationen danach ist wenig bekannt, erst über den Urenkenkel, Kalman, ist wieder bekannt, dass er Geldwechsler war und mit Wolle und Seide handelte, woraus er ein Einkommen bezog, das mehr als doppelt so hoch war, wie das seines Ur-Großvaters.

Obwohl wenig Informationen die Zeit überdauert haben, scheint es, als ob die Familie das Geschäft erfolgreich weiterführen konnte und durch die Heirat mit einem Doktor und einen Steuereintreiber ihren sozialen Status weiter ausbaute. Über die geschäftlichen Tätigkeiten von Kalmans Sohn, Moses, gibt es eine Urkunde, welche mindestens eine geschäftliche Transaktion zwischen dem tragischen Süß Oppenheimer und Moses bekundet. Es kann also als belegt gelten, dass die angehenden Rothschilds sehr genau wussten, wie es dem ehemaligen Geschäftspartner der Familie erging.

Der Vater von Mayer Amschel Bauer, der als Begründer des Rothschild Finanzimperiums gilt, war ebenfalls ein strenggläubiger Mann, der die vorgeschriebene Zeit für das Studium der Tora verwendete.

Mayer Amschel Bauer

1744  Gründer Mayer Amschel Bauer geboren am 23.02.1744

Für kurze Zeit geht Mayer auf ein Rabbiner Schule in Fürth, nach dem Tod seiner Eltern wird er 1760 Lehrling beim Ashkenazi Wolf Jakob Oppenheim, ebenfalls ein Verwandter jenes sagenhaften Samuel Wolf Oppenheimer, dessen 4. Sohn Simon Wolf in Hannover ein Bankgeschäft gegründet hatte. Ein Zweig der Familie Oppenheim ist ebenfalls in Frankfurt in der Judengasse ansässig, z.B. Lea Oppenheimer († 26. April 1705) oder Frumet Oppenheimer († 1713 in Frankfurt am Main), die Josef Guggenheim heiratete, Salomon Hertz Loew Oppenheim (* 1640; † 1697 in Frankfurt am Main), Salomon Hertz Oppenheim (* 1694 in Frankfurt am Main; † 1758), Hoffaktor und -lieferant des Kurfürsten Clemens August, somit waren die Stammväter dieser erfolgreichen Bankiersdynastien Nachbarn.

Mayer Amschel Bauer erwirbt während seiner Lehrzeit Kenntnisse in Numismatik und als er nach Frankfurt zurückkehrte, widmete er sich dem Handel mit Münzen. [80]

Als der Vater stirbt, übernimmt Bauer die Geschäfte. In dieser Zeit wird auch der Name Rothschild angenommen, da die Familie wieder in das Haus des Urgroßvaters zurückkehrte.

1769 – Über den Kontakte mit Wolf Jakob von Oppenheim erhält er einen Zugang zu „Seiner Erlauchten Hoheit, Erbprinz Wilhelm von Hessen, Graf von Hanau“, unter dem Vorwand, wertvolle Münzen und Schmuckstücke zu heruntergesetzten Preisen zu verkaufen. Rothschild wird Hoflieferant und unterhält gute Kontakte zu Prinz William

1770 –Hochzeit mit der 16-jährigen Kaufmannstochter Gutle Schnapper. Das Ehepaar hat   20 Kinder. Fünf Töcher und fünf Söhne der Rothschilds überleben das Kindheitsalter. Die hygienischen Bedingungen in der Frankfurter Judengasse sind schlecht, die Kindersterblichkeit ist hoch.

1783 – Die Familie Rothschild kauft ein für die Verhältniss in der Judengasse relativ komfortables Haus. Es wird später zum Stammhaus der Bankiersfamilie.

1789 – Im Zuge der von Danton, Marat und Robespierre angetriebenen Französischen Revolution werden die Regeln für die Juden im Frankfurter Ghetto liberalisiert.

ab 1790 – Rothschild verlagert seine Tätigkeit vom Münzhandel zum Bankgeschäft. Zu seinen Geschäftspartnern zählen der Bankier Bethmann und der Kunstsammler Johann Friedrich Städel. [81]

 Die Mutterloge der Freimaurerei in England

Endlich, nach all den Vorreden und Geschichten sind wir (beinahe) dort angekommen, wo sich die vorangegangenen Erzählungen zu einem einzigen Faden vereinen wollen, jedenfalls, wenn man nicht zu genau hinschaut. Denn natürlich ist nichts in dieser vertrackten Angelegenheit einfach, eindeutig oder gar schnell erklärt.

1717 wurde die erste, offizielle Londoner Großloge gegründet, 1730 -1750 folgten Logen in den anderen europäischen Ländern, die sich alle auf die Autorisierung durch die Großloge zu London beriefen.

Von England her, wo das Parlament es geschafft hatte, einen unliebsamen katholischen König zu entmachten, breitete sich die Freimaurerei aus.

Juden in Freimaurerlogen

In dieser Zeit nun beginnt sich ein neuer Typ von Jude zu etablieren; gebildeter, wohlhabend gar, und mit Ambitionen auf gesellschaftliche Akzeptanz. Wie wir am Beispiel des Joseph Oppenheimer gesehen haben, hatten sie vereinzelt dabei durchaus Erfolg. Manchmal sogar zu viel.

At that time a new type of Jew was emerging, one who had acquired some Western education and had adjusted his behavior to conform to the standards accepted among gentiles, to the extent that he now could aspire to full membership in their society. (Jacob Katz)

Aus dieser Konstellation heraus, kommt es zu ersten Versuchen von Juden, eigene Freimaurerlogen zu gründen, wobei ihnen erheblicher Gegenwind speziell von Seiten der Frankfurter Logen mit ihrer „traditionellen Feindseligkeit“ gegenüber Juden entgegenbläst. Die Diskussion darüber, ob und unter welchen Bedingungen Juden in die etablierten Orden nach dem schottischen Ritus aufgenommen werden sollen, wird von Jacob Katz von der hebräischen Universität in Jerusalem in seinem Buch „Juden und Freimaurer in Europa 1723 – 1939“ aus dem Jahre 1979 beschrieben und ist spannend zu lesen wie eine Zeitreise.

Juden und Freimaurer in Europa (Jacob Katz)

Es folgt eine grobe und keineswegs vollständige Zusammenfassung von „Jews and Freemasons in Europe 1723-1939von Jacob Katz und Übersetzung einzelner Passagen (in kursiv).

Mit den 1780ern beginnend, klopften überall in Europa die Juden an die Türen der Logen. Dieser neue Jude trat zuerst unter den Sephardim Englands, Frankreichs und Hollands auf, danach unter den Ashkenazi aller westlichen Länder. Ein bislang ungesehener Vorgang, da Juden in der damaligen Sichtweise des Establishments nur eine geringe, eng funktional begrenzte Rolle spielten und von vielen Bürgern immer noch kritisch beäugt wurden. Alte Vorurteile starben damals noch langsamer als heutzutage.

[Ashkenazi sind konvertierte Juden, die ursprünglich aus Zentralasien stammen und später über Russland und Osteuropa in den Westen gelangten. Dieser Umstand ist nicht ganz unwesentlich, wenn man bedenkt, dass Israel ja als Heimstätte der aus dem heiligen Land vertriebenen Juden dienen sollte, was in keiner Weise auf die türkischstämmigen Khazar-Juden zutrifft.]

Diese Entwicklung, die in der Debatte entstehende Uneinigkeit, entzweite die Freimaurerei, ein leidenschaftlicher Streit entbrannte über die Ursprünge und Ziele der Freimaurerei und führte zur Positionierung in christliche und „internationale“, heißt incl. Juden, Fraktionen. Eine Kluft entstand quer durch die Maurerei, welche die Logen auch vom Innern her zu zerreißen drohte.

Jacob Katz schreibt dazu:

Ein Aspekt dieses Phänomens ist der Wunsch von Juden, einem gemeinsamen Rahmenwerk anzugehören, welches sie mit Nicht-Juden vereinen würde, was für gewöhnlich als Assimilation bezeichnet wird. Doch war dies in Wahrheit nicht das einseitige Ziel der Juden. Keine Assimilation kann effektiv sein, wenn der absorbierende Körper nicht willig ist, den Fremdkörper zu assimilieren.

Über Assimilation und Zeitgeist

Tatsächlich unterstützten etliche Segmente der umgebenden Gesellschaft die Assimilation von Juden, und Beispiele für diese Einstellung können unter den Freimaurern gefunden werden. Doch war die Bereitschaft Juden in die europäische Gesellschaft aufzunehmen nicht universell, und selbst Freimaurer errichteten Restriktionen, legten oft eine entschiedene Reserviertheit an den Tag oder sogar offen Feindschaft. Dieser Aspekt des Phänomens gehört in die Kategorie, welche normalerweise als sozialer Anti-Semitismus bezeichnet wird, welcher, und, das ist Allgemeinwissen, aus vielen verschiedenen Typen und unterschiedlichen Graden von Intensität besteht. In unserem Bericht über die Beziehungen zwischen Juden und Freimaurern, werden wir verschiedenen Formen von Reserviertheit gegenüber Juden begegnen, die von unverblümter Ablehnung, über völlige Verweigerung soziale Kontakte herzustellen, über das Meiden von Juden aus religiösen, die Juden und die Christen entzweienden Gründen.  Religiöse Gegensätze zeigten ihre Wirkung, auch wenn beide Gruppen zu jener Zeit Dogma und Verhaltensmuster ihrer Kirchen und Glaubenskongregationen hinter sich zu lassen begannen.

Die Akkzeptanz von Juden innerhalb der europäischen Gesellschaft war konditioniert durch die Veränderung ihres zivilen Status. Zuvor waren sie als Fremde betrachet worden, denen aufgrund einer Verordnung die Aufenthaltsberechtigung ausgestellt wurde, doch nun hatten sich Juden als Ergebnis der Emanzipation Bürgerrechte erworben.

Emanzipation – die Zeit der Aufklärung

Obgleich der Zusammenschluss in einer Loge grundsätzlich freiwilliger Art war, so waren doch nichtsdestotrotz die Gesetze und Vorschriften bindend für alle seine Mitglieder. Da in der ursprünglichen Satzung niedergelegt worden war, dass in den Logen keiner aufgrund seiner Religion diskriminiert werden sollte, war das Bestreben diese Regel umzusetzen, wo immer sie auch angegriffen oder verletzt wurde, sicherlich legitim.

Auf der anderen Seite, zeigt der Umstand, dass dieses Prinzip, das dauerhaft in den Statuen verankert war, überhaupt verletzt werden konnte, was für Hindernisse seiner praktischen Implementierung im Weg standen. Zwischen der massonischen Emanzipation- ein Begriff, der durch die Maurer zu ihrer Zeit selbst geprägt und verwendet wurde, und der allgemeinen Emanzipation der Bürger besteht in jeglicher Hinsicht eine große Ähnlichkeit

Emanzipation fand statt auf vielerlei Weise. Bürger emanzipierten sich gegenüber Kirche und absolutistischer Monarchie, Juden emanzipierten sich innerhalb der Gesellschaft und zeigten dies durch ihre Zugehörigkeit in Logen,  Freimaurer emanzipierten sich von der religiösen Programmierung, indem sie begannen Juden aufzunehmen.

Es war eine Zeit der Reformierung der Gesellschaft, Altes prallte auf Neues, überkommene Ansichten wurden auf den Prüfstand gestellt, Fragen wurden gestellt, Antworten gefordert. Die Forderungen der jüdischen Gemeinden in ihrem Bestreben ein volles Bürgerrecht zu erreichen, laufen parallel zum Ringen der Freimaurergesellschaften mit der Judenfrage.

Die Freimaurerlogen stellten nicht einfach nur ein soziales Rahmenwerk dar; sie repräsentierten eine beinahe religiöse Weltanschauung. Die humanistischen Logen. welche den Juden die Tür geöffnet hatten, entwickelten eine universalistische Position, in dem sie behaupteten, dass grundsätzlich nur eine Religion für die gesamte Menschheit existiere. Diese Ansicht koinzidierte in gewissem Grad mit den Grundsätzen der Reformbewegungen. Die Frage stellt sich, ob nicht einige ihrer Anhänger, in Wort und in Tat, ebenfalls in Maurerlogen aktiv waren.

Auf diese Frage, meint Katz vorsichtig, könne er keine eindeutige  Antwort geben in seinem Buch.

Beide, die Juden und die Freimaurerbewegung, erscheinen praktisch gleichzeitig auf der öffentlichen Bühne. Es wäre nur naturgemäß, wenn Juden in Freimaurerlogen auch versucht hätten, den jeweiligen Diskurs zugunsten der Emanzipationsbewegung der jüdischen Gemeinde zu lenken. Die Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schloss ja die Juden mit ein, und war ebenso in ihrem Interesse.

In Deutschland standen sich die Befürworter und Gegner der universellen Freimaurerei gegenüber, in Frankreich war eine größere Einigkeit bei den Befürwortern der Universalität zu beobachten.

Die Anfänge der offiziellen Maurerei

Die Anfänge des offiziellen Freimaurertums sieht Katz klar in der Gründung der Grand Lodge of London und Westminster 1717. Die „moderne“ Freimaurerei ging damit eindeutig von England aus. Logischerweise wären der Gründung Ereignisse vorausgegangen, die Katz in den Handwerkergilden des Mittelalters findet, welche geheime Erkennungszeichen benutzt hätten und ein System, das die Mitglieder in Grade einteilte. Diese Handwerkerlogen oder -gilden benutzten ihre Macht auch schon früher, um Streiks gegen schlechte Arbeitsbedingungen zu organisieren oder um die Familien Hinterbliebener und Arbeitslose zu unterstützen. Die Logen dienten auch der Kultivierung von Beziehungen, hatten einen erzieherischen Hintergrund, förderten die Disziplin und waren nicht ohne spirituelle Bedeutung.

Die Maurer waren in drei Klassen oder Grade eingeteilt: Lehrlinge, Gesellen, und Meister. Ihre jeweiligen Rechte und Pflichten waren durch die Satzung ihrer Gesellschaften definiert. Mitglieder derselben Klasse würden einander unterstützen, gewisse geheime Zeichen und Passwörter halfen dabei einander zu erkennen. Hier und da ergab sich die Möglichkeit zur religiösen und spirituellen Erziehung, welche bei bestimmten Gelegenheiten durch die Übertragung spezifischer Traditionen, Legenden und Konzepte erreicht wurde.

Im siebzehnten Jahrhundert geschah etwas, das die bisherige Gildentradition verändern würde. Angezogen von den Vorteilen der Gildenschaft, traten nun auch gildenfremde Personen den Vereinen bei. Die bisherige Tradition der Gilden bekam ab dann einen spekulativen Überbau. Die genaue Kenntnis der Einflüsse, die dazu geführt haben, dass dieser Überbau einen formalen Unterbau in Form der offiziellen Riten erhielt, entziehen sich unserer Kenntnis [Katz´und meiner sowieso], aber Fakt war, dass die spekulativen Ränge irgendwann einmal die Überzahl gewannen und ein Orden mit einer formalen Basis gegründet wurde.

Im Jahr 1717 gab es vier Logen in London, die zusammentraten, um eine oberste Führungsloge zu installieren, die als die Große Loge bekannt wurde. Alle vier Logen waren gemäß der Definition zuvor spekulative Logen. Der Meister der Großen Loge war, John, Duke von Montague. möglicherweise ein ferner Vorfahr des späteren britischen Schatzkanzlers, der Hitler unterstützen sollte. Dieser übergab vier Jahre später Rev. James Anderson die Aufgabe, eine neue massonische Satzzung zu verfassen, welche für alle Logen bindend werden sollte.

1723 entstand eine neue Verfassung, die für alle vier Logen bindend war, und der sich auch andere Logen anschlossen. Nach und nach entstanden auch auf dem Kontinent Logen aufgrund der niedergelegten Satzung der Grand Lodge.

Die Satzung der Grand Lodge of London

Der erste Paragraf der neuen Verfassung lautete:

I. Betreffend Gott und Religion. Ein Freimaurer ist aufgrund seiner Anstellung verpflichtet dem moralischen Gesetz zu gehorchen: und, wenn er die Kunst richtig versteht, wird er niemals ein dumpfer Atheist sein, noch ein irreligiöser Libertärer. Aber obgleich die Freimaurer in früheren Zeiten dazu verpflichtet wurden, in jedem Land die Religion jenes Landes anzunehmen, welche auch immer, so scheint es nun zweckdienlicher zu sein, wenn sie sich nur zu jener Religion verpflichten, auf die sich alle Menschen einigen und ihre besondere Meinung für sich behalten; d.h. gute und wahrhaftige Menschen  zu sein, oder Männer der Ehre und Ehrlichkeit, durch welche Konfession oder Glauben sie sich auch voneinander unterscheiden mögen; wobei die Freimaurerei zum Zentrum der Einheit wird, und das Werkzeug, um wahre Freundschaft zwischen Personen zu vermitteln, welche ansonsten auf ewig in Distanz verharren würden. […]

Jüdische Logen

Jüdische Logen entstanden zunächst in England, wahrscheinlich um das Jahr 1746 herum. Eines der Länder, in denen die Freimaurerei Fuß fasste, war Holland. Dort folgten die lokalen Logen der britischen Führung, was bedeutete, dass die Aufnahme von Juden prinzipiell möglich war. Eine eigene Loge entstand wohl nicht. In England hingegen wurde sogar eine Zweigstelle der Großloge von London als jüdisch bezeichnet, da so viele ihrer Mitglieder Juden waren.

Verzeichnet wurden 1756 die Eintritte eines Juden aus Halle, Emmanuel Harris, der seinen Namen geändert hatte und vormals Menachmem Mendel Wolff geheissen hatte. Der Text dieses Zeugnisses wurde 1769 von Olof Gerhard Tychsen veröffentlicht, der es als ‚allgemein bekannte Tatsache‘ bezeichnet, dass Juden in England, und zwar im Gegensatz zu Deutschland, der Zutritt zu massonischen Logen gestattet wurde.

Die Zulassung von Juden in die britischen und holländischen Freimaurerlogen war ein erstes Zeichen dafür, dass sich die Spannungen zwischen Juden und einigen Teilen der europäischen Bevölkerung abzuschwächen begannen.

Mit der französischen Revolution begann sich für die Juden in Mittel-Deutschland alles zu ändern. Jedoch nicht auf einmal. Schritt für Schritt, Fürstentum um Fürstentum mussten sie sich ihre Gleichberechtigung erkämpfen und bis dahin war noch ein weiter Weg zurückzulegen.

Erste Loge in Deutschland

Von England aus gelangte die moderne Freimaurerei im Jahre 1737 nach Deutschland. Hamburg war der erste Ort auf deutschem Boden, an dem eine Loge nach englischem Vorbild gegründet wurde. Handwerker waren kaum beteiligt, es war das Bürgertum, das sich die neue Idee zu eigen machte. Von Hamburg aus zog die Freimaurerei englischen Musters über das ganze Reichsgebiet und ihre erste Sternstunde war die Aufnahme des preußischen Kronprinzen Friedrich im Jahre 1738.[…]

Mit ein Grund für die Entstehung der Hochgrade war sicher die im Konstitutionsbuch von 1723 gelieferte Entstehungsgeschichte der Freimaurerei. Dieses Konstitutionsbuch, das von sämtlichen ‚regulären‘, d.i. in den drei ersten Graden nach englischer Lehrart und Konstitution arbeitenden, Logen noch heute als ihre Grundlage angesehen wird, führte die Freimaurerei auf den biblischen Stammvater Adam zurück, der die Kunst der Geometrie und der Maurerei unmittelbar von Gott erhalten habe. Über Seth und Noah, die alten Ägypter und die Israelien des Moses, König Salomo und die Babylonier und schließlich die Griechen und Römer der Antike seien diese Kenntnisse nach Großbritannien gelangt, und dort über die Jahrhunderte hinweg ausgeübt und gewahrt worden.

Diese Legende, die am Beginn der modernen Freimaurerei steht, bot genügend Stoff für die Spekulationen und Phantasien, die dann in den verschiedenen Hochgraden zu finden waren. [Hermann Schüttler, Freimaurer und Illuminaten]

Die Zugehörigkeit zu einer Loge bot Vorteile, speziell für Menschen, die Geschäfte im Ausland tätigten, denn erstens machten sich hier natürlich die Beziehungen günstig bemerkbar, zweitens waren die Brüder untereinander zur Hilfestellung verpflichtet. Die Zugehörigkeit zu einer anerkannten Loge öffnete  die Türen zu allen anderen Logen. Hinzu kamen die sozialen und gesellschaftlichen Aspekte. Sicherlich brachte es auch Vorteile, wenn man in der selben Loge wie ein angesehener Staatsmann oder Adliger saß. Alles zusammen genommen stellte die Zulassung zu einer Loge einen großen Prestigegewinn für einen Juden jener Zeit dar.

Freimaurerorden schießen aus dem Boden

1725 trat in Paris die erste Freimaurerloge nach dem „Ancient and Accepted Scottish Rite of Freemasonry“ mit seinen 33 Graden, die allgemeiner Ansicht nach, auf die Stuarts zurückgeht, auf. Radclyffe, der massgeblich an der Ausbreitung des Freimaurertums beitgetragen hatte, war nicht nur ihrer, sondern auch Grossmeister aller französischen Logen. Sein Sprachrohr, Chevalier Andrew Michael Ramsay (1686-1747), hielt am 26.12.1736 in der Pariser Loge „Louis d’Argent“ einen Vortrag über die Hochgrade und bezeichnete die Freimaurerei als Wiederauferstehung der „Noachimitischen“ Religion. 1737 folgt seine ebenso berühmte wie umstrittene „Festrede“ über die Geschichte der Freimaurerei, indem er die „Bauhütten“ als grundlegenden Pfeiler der Freimaurerei bezeichnete. Als Beweis für die Templerthese gilt das Tatzenkreuz, das man an der Leiche des John Claverhouse,Viscount of Dundee, fand, der 1689 in der Schlacht von Killiecrankie fiel. Ramsay gehörte der „Angelic Brotherhood“ und (nach Blavatsky) den Jesuiten an und hatte engen Kontakt zu Newton und Desaguliers. 1710 traf er in Cambrai den Mystiker und Philosophen Franfois Fenelon, ehemaliger Cure von Saint-Sulpice. 1729 kehrte er nach England zurück und wurde Mitglied der Royal Society und des „Gentlemen’s Club of Spalding“.[…]
Seit Rammsay’s Rede breitete sich der „Schottische Ritus“ über ganz Frankreich und viele weitere Länder bis nach Amerika aus. Er hielt enge Beziehungen zu dem „Ancient Arabic Order of the Nobles of the Mystic Shrine“, einfacher „Shriners“ genannt, dem später auch US-Präsident Roosevelt angehörte.

 

1737 wurde, wie bereits zu Beginn erwähnt, die erste deutsche Loge „Absalom“ in Hamburg in der „Englischen Taverne“ gegründet. Weitere folgten im gleichen Jahr: „Aux trois aigles blancs“ (Zu den drei weissen Adlern) in Berlin, 1740 ebenfalls in Berlin ‚Aux trois globes“ (Zu den drei Weltkugeln) und 1742 in Wien „Aux trois Canons“ (Zu den drei Kanonen).

Von den „Drei Weltkugeln“ spaltete sich 1766 Carl Friedrich Koppen (1734-97) mit seinen „Africani sehen Bauherren“, auch „Africanische Loge“ genannt, ab. In diesem Kreis entstand die von Koppen und Johann Wilhelm Bernhard von Hymmen (1731-87) herausgegebene, nur 32 Seiten starke, aber viel beachtete Schrift „Grata Repoa“ oder „Einweihungen in der alten geheimen Gesellschaft der Egyptischen Priester“, die 1770 anonym erschien und als Muster einer „ägyptischen“ Einweihung galt. Sie erfreute sich noch bei den Theosophen um Blavatsky grosser Beliebtheit. Mit „Grata Repoa“ war die von Menes begründete, geheime Priesterschaft der alten Ägypter gemeint. [LincGral 122] [….]
[von Winckelstein]

Am 27. März 1764 wurde in Frankfurt am Main Joseph II. zum römisch-deutschen König gewählt und am 3. April 1764 ebenda als solcher gekrönt und der war kein Freimaurer, auch wenn er noch so fortschrittlich in seinem Absolutismus war.

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